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Warum mich #bodypositivity nervt

bodypositivity

Instagram ist voll von Frauen, die „Bodypositivity“ predigen. Influencerinnen zeigen ihre Makel: Dehnungsstreifen am Bauch, Cellulite an Hintern, Akne im Gesicht. Sie zeigen uns ihre normalen Körper in verschiedenen Posen: mal vorteilhaft, mal unvorteilhaft.

Bodypositivity bedeutet Körperpositivität, logisch. Die meisten Frauen fühlen sich von der Bodypositivity Bewegung angesprochen. Es geht darum die eigenen Körperteile, die nicht dem gängigen Ideal entsprechen, zu akzeptieren.

Alle Menschen stehen unter diesem einen bestimmten Druck dem Ideal zu entsprechen und scheitern daran. Das Wort „ideal“ impliziert schon die Unerreichbarkeit. Ein Idealbild ist eine Illusion. Die Illusion des perfekten Körpers und den hat, wie wir wissen, keiner. Insofern laufen wir einer Schablone hinterher, in die wir niemals hinein passen werden.

Ein Idealbild ist eine Illusion.

Und dann sehen wir diese ganzen normalen Frauen, die sich mit Bodypositivity identifizieren. Und gleichzeitig nimmt es den Druck von uns. Nachdem eine sehr lange Zeit absoluter Perfektionismus aus Instagram herrschte, ist es eine beruhigende Abwechslung echte reale Posts zu sehen. Posts in denen Frauen ganz ehrlich ihre Schwangerschaftsstreifen zeigen. Frauen zeigen ihren echten After-Baby-Body. Frauen zeigen, dass sie Dellen am Po haben, wenn sie ihn zusammen drücken.

Das nehmen viele als die Definition der Bodypositivity Bewegung wahr. Und hier ist der Haken. Die Bodypositivity Bewegung entspringt einer politischen gesellschaftlichen Bewegung und startete nicht auf Instagram sondern im echten Leben auf Straße. Im Jahr 1967 fand eine „Fat Acceptance Demonstration“ in New York statt und bildete mit weiteren darauf folgenden Demonstrationen den Grundstein für die Bodypositivity Bewegung. Damals noch ganz ohne Hashtag. Die Demonstrationen dienten der Akzeptanz und Sichtbarkeit stark übergewichtiger Frauen. Frauen, die aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes systematisch und strukturell diskriminiert wurden.

Doch was bedeutet es als übergewichtige Frau systematisch und strukturell diskriminiert zu werden? Es bedeutet, dass du als stark übergewichtige Person deine Klamotten nicht in einem normalen Bekleidungsgeschäft finden wirst, sondern bestimmte darauf spezialisierte Geschäfte aufsuchen musst. Es bedeutet, dass dein Arzt deine Beschwerden nicht ernst nimmt und dir, bevor überhaupt eine Untersuchung stattfindet, rät dein Gewicht zunächst zu reduzieren. Es bedeutet prinzipiell im Bewerbungsverfahren für einen Job durch das Raster zu fallen.

Sie sucht nach dem Hashtag #bodypositivity und findet…?

Jetzt stellen wir uns vor, dass ein stark übergewichtige Person versucht Sichtbarkeit und Support in der Bodypositivity Bewegung zu finden. Sie sucht nach dem Hashtag #bodypositivity und findet…? Ja was findet sie? Haufenweise normschöne Frauen, die krampfhaft ihren einen einzigen Makel (z.B. ein paar Dehnungsstreifen am Bauch) in Szene setzen.

Ich möchte niemanden seine Unsicherheiten absprechen. Die haben wir alle, egal wie nah oder fern wir vom Ideal entfernt sind. Und ich befürworte es absolut, über normale Körper zu sprechen und diese auch auf Social Media zu zeigen. Was aber gerade auf Instagram passiert, fühlt sich für mich falsch an. Falsch und unfair den Menschen gegenüber, die nicht einfach nur eine andere Pose einnehmen brauchen, um „normal schön“ auszusehen.

Haufenweise normschöne Influencerinnen nehmen unfassbar viel Platz in der Bewegung ein. Sie präsentieren sich in einer unvorteilhafter Pose, die lediglich zeigt, dass sich auch bei Ihnen beim entspannten sitzen eine Bauchspeckrolle abzeichnet (Oh, wunder.) und versehen diesen Post mit dem Hashtag #bodypositivity. Eine systematisch ausgegrenzte Person möchte aus dieser Bewegung Kraft tanken, weil sie im wahren leben echte Nachteile erfährt. Sie möchte Platz finden und findet nur weiße normschöne Frauen, die nicht annähernd stark übergewichtig oder entstellt sind.

Eine systematisch ausgegrenzte Person möchte aus dieser Bewegung Kraft tanken

Ich habe mir bisher auch wenig Gedanken über Bodypositivity gemacht bis ich merkte, dass dieser Content einen riesen Anteil in meinem Feed einnimmt und die Erstellerinnen recht normale hübsche Frauen sind, die wahrscheinlich niemals mit systematischer Diskriminierung zu kämpfen hatten.

Bodypositivity darf und soll für jeden sein. Denn letztendlich geht es in der Bewegung ja auch darum, genauso wahrgenommen, gesehen und akzeptiert zu werden wie normschöne Frauen und das auch von normschönen Menschen. Deswegen sollten wir uns alle überlegen, wie wir Teil dieser Bewegung sein können, unsere eigenen Gedanken und unser Handeln hinterfragen und das mit viel Empathie.

Niemand kann jemandem vorschreiben, wie er mit dem Thema umzugehen hat. Aber gegebenenfalls denkt jeder darüber nach und fragt sich, welche Hashtags besser zum Thema „normale Körper“ passen als #bodypositivity. Ein paar Vorschläge wären z.B. #selflove #selbstliebe #körperakzeptanz #normalizenormalbodies

Es ist toll, dass endlich auch normale Körper ihren Weg auf Instagram finden, da diese in der Regel aber nie systematische Diskriminierung erfahren haben, sollten sie sich auch nicht der Vorteile dieser Bewegung bedienen. Vergesst nicht: es handelt sich nicht um eine Instagram Bewegung sondern um eine politische Bewegung.

Headerbild von Polina Tankilevitch von Pexels

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Über den Autor

Mein Idol: Pipi Langstrumpf. Ein freches Mädchen, mit immer perfekt sitzender Frisur, Tendenz zur Rothaarigkeit, trägt viel zu kurze Kleider und liebt Strümpfe, lebt alleine in einer Villa Kunterbunt, ist das stärkste Mädchen auf der Welt, hat eine eigenwillige Moralvorstellung, ist ein wenig naiv aber immer für ihre Freunde da und rockt ihr Leben ganz ohne Mann oder Vaterfigur. Das bin ich.

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