Gedanken Laut Gedacht

Liebe Frauen, ich bin anders als ihr.

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Es gibt Menschen, vorwiegend Männer, die mir schon einmal gesagt haben: “Du bist nicht wie die anderen Frauen, du bist anders als die anderen Frauen”. Fakt ist, es war als Kompliment gemeint und Fakt ist auch, dass ich es als Kompliment aufgefasst habe und dafür schäme ich mich mittlerweile. Habt ihr dieses Kompliment auch schon erhalten? Und wenn ja, was hat es in euren Köpfen gemacht? Es ist ein Phänomen, denn auch die meisten Frauen unter euch, werden es genau so wie ich, als Kompliment aufgefasst haben. “Ich bin nicht wie die anderen Frauen. Ich bin anders. Ich bin ein cooles Mädchen.” 


Auszug aus dem Buch Gone Girl – Gillian Flynn 

Männer sagen das immer als das entscheidende Kompliment, nicht wahr? “Sie ist ein cooles Mädchen.” Das coole Mädchen zu sein bedeutet, eine heiße, brillante, lustige Frau zu sein, die Fußball, Poker, schmutzige Witze und Rülpsen liebt.

Sie spielt Videospiele und trinkt gerne billiges Bier. Sie ist offen für Dreier und Analsex. Ein cooles Mädchen liebt es, sich Hot Dogs und Hamburger in ihren Mund zu stecken als würde sie den größten kulinarischen Gangbang der Welt veranstalten, während sie irgendwie eine Größe 36 beibehält, weil „cool girls“ vor allem heiß sind. Heiß und verständnisvoll.

Coole Mädchen werden nie wütend. Sie lächeln nur verärgert aber liebevoll und lassen ihre Männer tun, was sie wollen. Mach schon, scheiß auf mich, es macht mir nichts aus, ich bin das coole Mädchen. 


Geschlechterstereotype: Frauen

Warum sehen wir es als Kompliment an, anders als die anderen Frauen zu sein? Der Grund dafür sind die Geschlechterstereotype, welche fest in uns verankert sind. Der weibliche Stereotyp ist zickig, übersensibel, emotional, hingebungsvoll aber auch wankelmütig.  Frauen passen sich eher an, sind gütig und lieben schnell. Die stereotypischen Tugenden der Frauen sind unter anderem Schamhaftigkeit, Keuschheit, Taktgefühl und die Gabe einen Sinn für das Schöne zu haben. 

Wenn wir das Kompliment erhalten, anders zu sein, sortieren wir Frauen automatisch in zwei extreme Schubladen. In die erste Schublade gruppieren wir die Frauen ein, die “typisch Frau” sind und in der zweiten Schublade befinden sich alle anderen Frauen, welche eben in keiner Weise der stereotypischen Vorstellung einer Frau entsprechen. Das Problem hierbei ist nicht nur, dass Männer gerne Frauen in diese zwei Schubladen kategorisieren.

Wir als Frauen, lassen uns sehr gerne in diese Schubladen zwängen. Und das lassen wir zu, obwohl wir sehr genau wissen, dass es diesen Stereotyp eigentlich gar nicht gibt. Seien wir doch mal ehrlich zu uns. Letzten Endes haben wir alle mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit einige Eigenschaften der stereotypen Frau, genauso wie einige Eigenschaften des “cool girls”. Und damit sind wir alle Frauen, die anders sind. Soweit so gut, hiermit könnte der Text beendet sein, ist er aber nicht.  

Das Problem daran, es als Kompliment bzw. als eine positive Aussage aufzufassen, anders als die anderen Frauen zu sein, ist doch, dass wir damit das eigene weibliche Geschlecht degradieren. Denn damit werden die typisch weiblichen Züge, die wir alle mal mehr oder mal weniger haben, heruntergestuft. 

Verinnerlichte Misogynie

Auch wenn wir in den letzten Jahren diesbezüglich weitergekommen sind, werden die wichtigsten Positionen z.B. in der Politik auf der Welt immer noch fast ausschließlich von Männern besetzt. Politik formt unter anderem vordergründig die Werte einer Gesellschaft und diese sind somit vornehmlich männlich geprägt. Deswegen sind die typischen weiblichen Werte in der Regel nicht wirklich idealkonform oder erstrebenswert.  

Die Aussage “Du bist anders als andere Frauen” zu machen oder sich anders als die anderen Frauen zu empfinden, dient dazu sich abzugrenzen. Diese Aussage impliziert schon, auch wenn sie nicht böse gemeint ist, dass eine Frau negative Eigenschaften mit sich bringt. Damit zementieren wir diesen Gedanken in uns selbst und in der Wahrnehmung anderer. Es handelt sich hierbei um eine verinnerlichte Misogynie. 


Misogynie ist ein abstrakter Oberbegriff für soziokulturelle Einstellungsmuster der geringeren Relevanz bzw. Wertigkeit von Frauen oder der höheren Relevanz bzw. Wertigkeit von Männern. Sie wird sowohl von Männern als auch von Frauen selbst über die psychosoziale Entwicklung verinnerlicht (Sozialisation, Habitualisierung) und stellt die Erzeugungsgrundlage für den hierarchisierenden Geschlechtshabitus von Männlichkeit und Weiblichkeit dar. Sie ist damit die Basis hegemonialer Männlichkeit bzw. patriarchaler Beziehungsgefüge.  

Quelle: Wikipedia 


Wir haben den abwertenden Gedanken gegenüber typisch weiblichen Eigenschaften strukturell ins uns verankert, da wir damit aufgewachsen sind. Ein Beispiel hierfür ist die Schuldumkehr, wenn ein Mann eine Frau sexuell belästigt. Eine der ersten Fragen oder Aussagen auf die die Erzählung einer solchen Tat hin ist z. B. ganz häufig: “Was hattest du denn an?” oder “Warum warst du zu dieser Uhrzeit alleine draußen?” oder “Betrink dich das nächste Mal beim Feiern lieber nicht.”. Ein anderes Beispiel für Misogynie ist auch die geringe Anerkennung der Arbeit, in denen vorwiegend Frauen tätig sind wie z.B.  Pflegeberufe, welche extrem unterbezahlt werden. 

Strukturelle Verankerung

Frauen werden oftmals als weniger Wert als Männer empfunden. Und so modern und weltoffen wie wir uns auch manchmal beschreiben mögen, ist diese Einstellung leider immer noch tief in uns verinnerlicht. Deswegen möchten wir uns selbst als Frauen davon distanzieren und sind liebend gerne “anders als die anderen Frauen”.  

Wir möchten nicht als anstrengend, zickig, weich und schwach gesehen werden. Wir möchten nicht wie die anderen Frauen wahrgenommen werden, weil wir wissen, was für eine negative Erwartungshaltung herrscht. Dies passiert meist nicht aus einer bösen Intention heraus, aber wir wissen manchmal selbst nicht damit umzugehen. 

Dennoch bleibt es eine sehr bequeme Art diese strukturellen Probleme zu handhaben und wir zementieren weiterhin den Werteansatz der verinnerlichten Misogynie. Wahrscheinlich können wir uns alle nicht davon freisprechen so gedacht zu haben. Wir wollten alle mal anders sein als die anderen Frauen. Aber wir Frauen sind alle „die anderen Frauen“. 

Wir müssen die Geschlechterrollen aufbrechen aber gleichzeitig auch die s.g. typischen weiblichen Eigenschaften schätzen und lieben lernen, denn sie sind gut. Wir brauchen mehr Frauen als Vorbilder und wir müssen Sätze wie “Ich bin anders als andere Frauen” aus dem Sprachgebrauch verbannen und damit hoffentlich irgendwann aus den Gedanken. 

Headerbild von Dih Andréa von Pexels

Textinspiration von der tollen Silvi Carlsson

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Über den Autor

Mein Idol: Pipi Langstrumpf. Ein freches Mädchen, mit immer perfekt sitzender Frisur, Tendenz zur Rothaarigkeit, trägt viel zu kurze Kleider und liebt Strümpfe, lebt alleine in einer Villa Kunterbunt, ist das stärkste Mädchen auf der Welt, hat eine eigenwillige Moralvorstellung, ist ein wenig naiv aber immer für ihre Freunde da und rockt ihr Leben ganz ohne Mann oder Vaterfigur. Das bin ich.

(1) Kommentar

  1. Es muss jetzt aber nicht alles ein fieses Frauenunterdrückungsproblem sein. Ganz generell ist von einer gewissen Norm abweichendes Verhalten, nicht normgerechte Lebensführung, etc. einfach für viele Gegenüber ein Problem. Das sieht man zum Beispiel auch jetzt im „Lockdown-Light“, was man sich da als KünstlerIn oder Solo-Selbständige/r so alles anhören und vorwerfen lassen muss.

    So manches ist natürlich trotzdem richtig. Zum Beispiel, dass die meisten Politiker eben Männer sind. Ohne ein typisches als männlich zugeschriebenes Attribut, nämlich Streben nach Macht, kommt man da wohl nicht hin. Diese Männer bezahlen aber auch dafür. Vielleicht sind viele Frauen einfach klüger und wollen sich die Opfer dafür nicht antun.

    Schnell denkt man auch, dass das Leben der anderen einfach immer geil ist. Die Politiker mit Macht und Geld und Einfluss, jaaa soo sollte man leben. Und die Angestellten, die nun auf den Freiberuflern herumtrampeln in der Pandemie… weil diese ja anscheinend so dauerglücklich sind, so frei, so unverdient eigen(ständig).

    Die Intoleranz ist überall. Vorsicht mit der eigenen Nase.

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