Er wird's nicht Generation Y

Kinder? Ich verzichte dankend.

Kinder

VON GAST

Ich bin in meinem Leben meist verhältnismäßig spät dran mit allem. Ich war keine von denen, die früher als üblich in den Kindergarten gekommen oder ein Jahr vor der eigentlichen Zeit eingeschult worden sind. Ich habe den Führerschein erst mit 18 begonnen, obwohl es mir schon möglich gewesen wäre, ihn mit 17 zu machen – und hab ihn nicht einmal zu Ende bringen können. Vielleicht mache ich ihn irgendwann.

Ich hatte mit 16/17 mein erstes Bier (ekelhaft), mit 19 meinen ersten Sex (unbeholfen) und mit 26 meine erste Zigarette (ungesund, aber ich rauche trotzdem). Und jetzt, mit 28 Jahren, habe ich gerade erst vor einem halben Jahr meinen ersten Redaktionsjob begonnen, nachdem ich auch erst mit 27 meinen Master fertiggestellt habe.

In meinem Bekannten- und Freundeskreis, insbesondere dem, den ich noch aus der Schule mitnehmen durfte, sind einige schon weiter als ich. Weiter im Leben. Bei manchen mag es daran liegen, dass sie sich nicht, so wie ich, mit fünf, sechs oder gar sieben Jahren Studium aufgehalten haben. Einige von ihnen haben nach dem Abitur Ausbildungen gemacht, waren mit 22 damit fertig und haben angefangen zu arbeiten. Andere wiederum haben bereits vor Jahren ihren Partner fürs Leben gefunden und schon ein bis zwei Kinder und/oder sind verheiratet.

Was ich persönlich allerdings nicht lange genug hinausschieben kann sind Kinder.

Wenn ich also sage, ich bin in meinem Leben mit allem verhältnismäßig spät dran, dann soll das nicht bedeuten, dass ich Leute beneide, die schon verheiratet sind oder Kinder oder einen festen Job haben. Gut, auf die Sicherheit des festen Einkommens bin ich schon etwas neidisch. Was ich persönlich allerdings nicht lange genug hinausschieben kann sind Kinder. Kinder scheinen für einige Menschen, nicht selten Frauen, die Krönung ihrer eigenen Existenz auf diesem Planeten zu sein. Ihre Aufgabe im Leben, das Ziel, für das sie leben.

Für mich sind sie das nicht. Jedenfalls nicht, seitdem ich mit 17 Jahren bis zumindest heute für mich eine klare Meinung zu dem Thema Kinder-bekommen formuliert habe. Nämlich die, dass ich Kinder für mich persönlich als ziemlich verzichtbar einstufe. Ich möchte bisher keine haben und ich denke, daran wird sich auch nichts mehr ändern. Wenn ich das so in einem Café in Hamburg-Eppendorf – wahlweise auch im Prenzlauer Berg in Berlin – laut auszusprechen wagen würde, dann würden einige – auch hier wieder: meist Frauen – mich milde lächelnd beäugen, um dann etwas zu erwidern wie: »Das kommt bei Dir auch noch. Du bist ja noch jung.« Was zumindest unbeabsichtigt eine gewisse Art von Komik in diese Unterhaltung bringt, ist die Tatsache, dass manche dieser Mütter deutlich jünger als ich oder auch mein Jahrgang sind.

»Das kommt bei Dir auch noch. Du bist ja noch jung.«

Ich habe diese Erwiderung jedenfalls schon oft gehört und je älter ich werde, desto wütender macht sie mich, denn sie spricht mir mein Urteilsvermögen über mich selbst ab – und legt nahe, dass jemand anderes das ja viel besser wissen kann als ich selbst. Denn auch wenn ich es gewöhnt bin, bei manchen Dingen etwas später mitzumachen: Ich finde, ich bin gar nicht mehr so unglaublich jung. Ich feiere demnächst immerhin meinen 29. Geburtstag und das ist, nach Adam Riese, gefährlich nah an der 30. Das sind drei Jahrzehnte auf dieser Erde – eineinhalb davon biologisch vollkommen in der Lage zu gebären –, in denen ich nicht ein einziges Mal den Wunsch nach Kindern hatte.

Natürlich kann ich nicht mit absoluter Gewissheit sagen, dass mich in zwei, fünf oder auch zehn Jahren der Wunsch, Kinder in die Welt zu setzen, NICHT doch noch überkommt. Aber wenn ich das schon nicht über mich selbst sagen kann, woher wollen diese fremden Leute das dann so genau wissen? Ich stelle mich ja auch nicht vor denen hin und erwidere: »Warte mal ab, es wird der Tag kommen, da wirst Du es bereuen, Kinder bekommen zu haben, ganz sicher.«

Doch wenn man mir mit schier unerschöpflicher Beharrlichkeit prophezeien will, dass ich auf jeden Fall noch einen Kinderwunsch entwickeln werde, dann möchte ich manchmal einfach aus purem Trotz antworten: »Nein, denn ich bin zufrieden mit meinem Leben und der Tatsache, dass ich alles tun kann, was ich will – wann immer ich will. Und das möchte ich nicht aufgeben. Ich verzichte dankend.«

Oft fühle ich mich spätestens dann in meiner Entscheidung bekräftigt, wenn ich in die müden Gesichter der Mütter und Väter mir gegenüber blicke und darin förmlich den Schlafmangel der letzten Wochen erkennen kann, weil Anna Katharina Josefa* oder Klement Laurenz David* der Meinung waren, Schlaf sei optional und ohnehin überbewertet.

Aber man möge mich dann bitte auch in Frieden keine Kinder in die Welt setzen lassen.

Nur ist das Gespräch dann leider aber noch nicht vorbei. Manche Leute fühlen sich dazu gedrängt, ihre Entscheidung, Kinder bekommen zu haben, zu rechtfertigen. Damit, dass es doch schade sei, wenn man keine Kinder bekäme. Man wäre dann ja im Alter zwangsläufig alleine und hätte zu allem Überfluss seinen Teil zur Prägung dieser Gesellschaft nicht erfüllt. Aber auch diese Argumente kann ich für mich nicht so ganz gelten lassen.

Erstens ist man im Alter wahrscheinlich irgendwann ohnehin allein: Kinder ziehen aus, gründen selbst vielleicht Familien. Der Besuch bei Oma ist dann nicht selten nur noch Pflichtgefühl. Und irgendwann stirbt der Partner – das ist ganz gewiss. Zweitens werde ich meinen Beitrag zu dieser Gesellschaft leisten, indem ich arbeiten gehen werde und meine Steuern zahlen. Mehr kann man von mir in einem Land, in dem Frauen mittlerweile zumindest per Gesetz größtenteils über ihren eigenen Körper verfügen dürfen, nicht verlangen.

Wie viele oder wie wenig Kinder man/Frau bekommen möchte (oder sich leisten kann), das muss jede*r selbst wissen – und wenn Menschen viele Kinder haben wollen, ist das ja auch gut und schön. Aber man möge mich dann bitte auch in Frieden keine Kinder in die Welt setzen lassen. Ich habe auch nicht das Gefühl, ich würde etwas verpassen, indem ich auf Schwangerschaft und deren Folgen verzichte.

Bei alledem ist es durchaus nicht so, dass ich Kinder grundsätzlich nicht mag. Oftmals kommt mir sogar der Gedanke, dass Leute mit Kinderwunsch zunächst einen schriftlichen wie praktischen Test absolvieren müssen sollten, damit gewährleistet werden kann, dass es ihrem Nachwuchs einigermaßen gut geht. Denn ich bin der Meinung, dass nichts in dieser Welt so sehr geliebt und geschützt werden sollte, wie die Kinder, die man in sie hineinbringt.

Natürlich gibt es auch glückliche Familien. Viele, die meisten womöglich – hoffentlich.

Gerade deswegen möchte ich selbst keine Kinder bekommen. Entweder, ich könnte sie nicht so lieben, wie sie es verdient haben, oder aber ich würde ganz darin aufgehen, sie zu lieben und mich selbst dabei völlig vernachlässigen. Und ich kann beides nicht mit meinem Gewissen vereinbaren – weder mir noch den Kindern gegenüber.

Zudem glaube ich nicht, dass ein Kind mein Leben vollkommener machen würde oder könnte, als es meine Beziehung, ein guter Job, der mir Freude bereitet, und ein Leben in meiner Lieblingsstadt, ohnehin schon tun. Genauso wenig wie ich glaube, dass ein Kind eine Partnerschaft zwangsläufig besser macht – manchmal zerstört es sie auch.

Natürlich gibt es auch glückliche Familien. Viele, die meisten womöglich – hoffentlich. Aber wenn man als junges Paar denkt, der Beziehung fehle noch etwas, sie sei noch nicht gut genug, dann ist das vielleicht gar nicht so klug, noch eine Person hinzuzufügen. Der einzige Grund, ein Kind zu bekommen, sollte sein: Man will es und es fühlt sich richtig an. Und selbst dann kann man es später bereuen, Mutter geworden zu sein.

Für mich hingegen überwiegt vielmehr bei dem Gedanken daran vor allem ein Gefühl: das, dass ich damit einen schrecklichen Fehler begehen würde. Und zudem einen, den ich nicht mehr rückgängig machen könnte. Mutterschaft ist irreversibel. Dessen muss sich jede*r bewusst sein. Es ist keine gute Idee, Kinder zu bekommen, weil man denkt, man müsse es tun – vielleicht auch für irgendwen: die eigenen Eltern, die Schwiegereltern oder weil die Gesellschaft es verlangt und die Meinung vorherrscht, das gehöre zum Lebensplan jeder Frau. Denn das tut es nicht immer.

Ich weiß – für jetzt und demnächst zumindest: Ich möchte keine Kinder. Und wenn es mich wider Erwarten doch mal überkommen sollte, mit 43, dann adoptiere ich lieber welche und gebe Kindern, die keine Familie (mehr) haben, ein Zuhause. Aber ich lasse mich nicht von der Gesellschaft dazu zwingen, jetzt Kinder zu gebären, denen ich und die mir das Leben verbauen würden.

Ich bin lieber etwas später dran, weiß dafür dann aber genau, ob ich etwas will – oder eben nicht.

*An dieser Stelle habe ich mit der Klischee-Keule ausgeholt, fand das zur Erläuterung meines Standpunktes allerdings unerlässlich. Danke fürs Weiterlesen. <3

Headerbild von Anderson Miranda von Pexels

Über die Autorin


Linda hat an Heiligabend Geburtstag, kommt aus dem Rheinland, ist aber im Herzen Hamburgerin. Sie hat Literatur in Bonn und Hamburg studiert und mit einer Arbeit über die Liebe abgeschlossen. Für die Liebe ist sie auch nach Berlin gezogen.

Der Originaltext ist auf imgegenteil erschienen.

Passend dazu: Warum große Hochzeiten nichts über die Liebe aussagen

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