Masturbation
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Masturbation remastered – Orgasmus, wieso hast du mich verlassen?

VON GAST

Eine meiner ältesten Erinnerungen ist sehr körperlich und unemotional. Es passiert auch nichts Aufregendes. Ich erinnere mich an Wahrnehmungen, die sich nur so stark eingeprägt haben, weil sie mit einer fast sturen Regelmäßigkeit zu meinem Leben als Kleinkind gehörten: Das weiche Leder des Sofas an meinem Rücken. Die warme, süße Milch, die aus der Nuckelflasche in meinen Mund fließt. Das strahlende Raufaserweiß der Zimmerdecke. Der Drang in meiner Blase, der sich immer einstellt, wenn die Milchflasche fast leer ist.

Aber ich verkneife es mir jedes Mal, solange ich kann, presse meine Beine fest zusammen, halte die Luft an, baue Druck auf. Denn ich weiß, so ungefähr alle zwei bis drei Tage entsteht am Gipfel dieses Drucks ein Gefühl, das unvergleichlich intensiv ist. Pur und gut.

Presse meine Beine fest zusammen, halte die Luft an, baue Druck auf.

Ich kann mich nicht mehr an meinen allerersten Orgasmus erinnern. Das kann jedenfalls nicht die Gelegenheit gewesen sein, bei der Routine und der ausgefeilten Technik, die mein kleines Ich dort an den Tag legte. Ich kann auch nicht behaupten, dass mir bewusst gewesen wäre, was ich da so begeistert tat, morgens allein im Wohnzimmer.

Ich hatte kein Vokabular, keine Erklärung und kein Schamgefühl. Letzteres wäre mir nicht in den Sinn gekommen, für Harndrang oder Müdigkeit schämte ich mich ja auch nicht. Das Bewusstsein dafür, dass man das nicht im Beisein von Anderen macht oder anspricht, kam erst mit der Zeit. Und mit ein paar awkward moments in der Schule oder Zuhause bei Freundinnen.

Aber es geht mir hier nicht um Scham, Tabus oder die problematisierte Wahrnehmung von Kindern als Menschen mit Sexualität (mit sich selbst und allein innerhalb ihrer eigenen Grenzen!). Auch nicht darum, dass ich mich quasi bewusst an den Lernprozess erinnern kann, in dem mir erst beigebracht wurde, meine Sexualität nicht mehr als physisches Bedürfnis und neutrale Körperwahrnehmung wie Hunger zu verstehen. Ich möchte nur deutlich machen, dass ich eine wirklich lange und durchaus sehr positive Karriere der Masturbation hinter mir habe, wenn ich mich heute zurückerinnere.

Ich weiß nicht mehr, wann mir die volle Tragweite von Lust und Solosex wirklich aufging. Jedenfalls hat das Wissen um den allgemein sehr obskuren Umgang mit Masturbation, das schmutzige Image, mich auch als Jugendliche nicht davon abgebracht sie zu praktizieren. Mal mehr, mal weniger häufig oder ausgiebig. Mal unterstützt durch die winzig kleinen Handyhintergrund-Werbebildchen auf den Rückseiten von Omas Fernsehzeitschriften (ein Hoch auf das Jamba-Sparabo!).

Auch immer wieder begleitet von ausgewachsener Pornografie, auf die ich im Netz stieß. Und dann suchte, um sie gezielt zu konsumieren. Ebenso manchmal mithilfe der unterschiedlichsten Gegenstände… Hauptsache war, sie konnten vibrieren (Shoutout to mein erstes Handy).

Masturbation ist Empowerment

Will sagen, Masturbation hat mich begleitet, seit ich denken kann und ich habe immer genossen, es mir selbst zu machen. Ob allein oder während dem Sex mit anderen, vor einem Spiegel oder vor weiteren Menschen. Das Wissen, wie ich mich anfassen und stimulieren muss, um einen Höhepunkt nach dem anderen zu haben, eignete ich mir früh an, teilte es mit weiteren Interessierten und betrachtete es als selbstverständlichen Teil meines Sexlebens.

Die Freiheit, mich nur nach meiner eigenen Lust richten zu können, meinem persönlichen Tempo, in dem Rhythmus, der es mir am besten bringt… Ich habe sie naiverweise nicht als Empowerment, als Zeichen meiner Verbindung zu mir selbst verstanden.

Einer Verbindung, die viele andere (vor allem weibliche) Personen (noch) nicht haben, weil Tabu, Stigmatisierung und schlichtes Schweigen über die positiven und natürlichen Aspekte von Masturbation den Weg versperren und erschweren. Aber auch ganz unpathetisch: Die Freiheit, auf niemand anderen als mich angewiesen zu sein, um einen Orgasmus zu haben und sexuelle Befriedigung zu erleben.

Ich hätte nie damit gerechnet diese Freiheit mal zu verlieren

Ich hätte nie damit gerechnet diese Freiheit mal zu verlieren. Ich spreche hier nicht davon, keine Zeit mehr für mich und meine Solosexbeziehung zu haben. Und es geht auch nicht um den allgemein häufig bei Frauen beobachteten und beklagten Libidoverlust. Ich habe Bock. Ich habe die Zeit. Ich habe das Wissen über meine Vorlieben.

Aber ich habe auch irgendwo im Jahr 2019 die Fähigkeit verloren, mich alleine zu einem befriedigenden Höhepunkt zu bringen. Versteh mich nicht falsch, ich komme tatsächlich zu einem Orgasmus. Er ist aber einfach nicht geil. Er ist meistens nicht mal gut, fühlt sich eher wie eine leere Hülle seiner selbst an, ein ausgestanzter Abklatsch von dem, was ich schon so oft als intensiv, erfüllend und schlichtweg mindblowing empfunden habe. Und das ist so langsam wirklich zum Kotzen frustrierend.

Vor allem, weil ich nicht weiß, wo der Auslöser dieser durchweg unbefriedigenden Erfahrungen liegt. Ich habe meine Fähigkeit, einen Orgasmus als großartig zu empfinden, nicht verloren. Woher ich das weiß? Weil meine Höhepunkte immer zu alter Größe zurückfinden, wenn sie im Kontext von Sex mit einer weiteren Person stattfinden. Was mir jegliche physischen oder hormonellen Probleme als eher unwahrscheinliche Gründe erscheinen lässt.

Der Gedanke, tatsächlich auf Sexualpartner*innen angewiesen zu sein, um mich zu befriedigen, aber auch Langeweile, Stress, schlechte Laune, Müdigkeit oder einfach Zeit zu vertreiben… ließ mich nach einer Weile panisch das Netz nach Erfahrungsberichten oder Tipps anderer Betroffener durchsuchen. Und auf was stößt man dort, wenn man plakativ nach Masturbations- oder Orgasmus-Schwierigkeiten sucht? Hier eine kurze Zusammenfassung.

Was das Internet dazu sagt, verschweigt und verkauft

In einschlägigen Frageforen ist das Thema Masturbation ausschließlich von sehr jungen männlichen Fragestellern dominiert, die wissen möchten, ob ihr Verhalten „normal“, „schon krankhaft“ oder schlicht „zu wenig“ ist. Fragen zu Masturbation ohne Penis werden zwar von den führenden online „Frauenmagazinen“ und Sexshop-Websites besprochen, aber wer hat sie gestellt?

Die initiale Ratsuche, die dem lohnenden Verfassen solcher Artikel vorausgegangen sein muss, wo findet sie statt? In privaten Briefen an die Redaktion? In den online Kontaktformularen ans Dr. Sommer Team? Warum die Heimlichtuerei? Traut sich keine weibliche oder weiblich gelesene Person im Netz nach Selbstbefriedigung zu fragen, weil ihr vielleicht von allen Seiten suggeriert wird, dass Fragen dazu immer noch nur per Flüsterpost gestellt werden dürfen? Oder wieso ist ein Wording wie auf wunderweib.de1, wo von den „geheimsten Geheimfragen der Leserinnen“ die Rede ist, immer noch in Gebrauch? (Wtf, ehrlich)

Und weshalb stellen auch auf männlicher Seite keine älteren Menschen öffentlich Fragen zum Thema? Ist mit spätestens 23 Jahren die magische Schwelle zur Allwissenheit über die eigene Sexualität überschritten? Und passiert es keiner*m, dass sich die eigene Lust und das Sexualverhalten mit der Zeit verändern?

Don’t get me wrong.

Tipps und Hinweise zu Selbstbefriedigung mit einer Klitoris, das will ich hier nicht unterschlagen, gibt es zuhauf. Allerdings richten sie sich größtenteils an Anfängerinnen auf dem Gebiet, die noch nie einen Höhepunkt mit sich selbst erlebt haben und ermutigt werden sollen, sich mit ihrem eigenen Geschlecht zu befassen. Diese Ermutigung finde ich toll, don’t get me wrong. Noch schöner wäre das alles aber, wenn nicht ein erdrückender Großteil dieser Tipps auf Konsum ausgerichtet wäre.

Wüsste ich nicht aus eigener Erfahrung, dass ich die geilsten Momente mit viel Zeit und nichts als meinen beiden Händen gehabt hätte, ich würde glauben, ohne ein Arsenal aus Dildos, Gleitgelen, Duftkerzen und Vibroeiern wäre an standesgemäße weibliche Masturbation nicht zu denken. Nicht zu vergessen, die richtigen erotischen Hörbücher für Frauen* (alle, Himmel) und das unverzichtbare Schaumbad, um überhaupt in Stimmung zu kommen.

Und generell habe ich gegen all diese Dinge tatsächlich nichts einzuwenden. Vieles davon hat sich über die Jahre auch in meiner Sockenschublade angesammelt. Und staubt dort vor sich hin, weil ich den in allen Varianten von Pink und Violett leuchtenden Nippes so, so selten nur heraushole, wenn mich die Lust überkommt. Mein Punkt? Eine Anfängerin auf diesem Terrain hat keinen Plan, dass der Schlüssel nicht im richtigen Werkzeug liegen muss, sondern dass die Reise erst einmal bei ihr selbst beginnen sollte. Wie gut, dass sie im Netz nicht auf als Aufklärung maskierte Werbeanzeigen stößt, anstatt tatsächlicher Hilfe. Oh.

Kein Orgasmus? Selbst Schuld

Okay, bei der Suche nach Masturbationsanleitungen stieß ich nicht auf Material, das mir dabei hilft, mein Orgasmusgefühl wiederzubeleben. Also änderte ich meine Suchanfragen auf das Stichwort „Orgamusstörung“ ab. Der öffentliche, laiengeführte Diskurs über Orgasmusstörungen bei Frauen dreht sich vornehmlich um das Ausbleiben des großen Os beim Paarsex. Die Hauptaussagen, die sich bspw. online bei Women’s Health2 finden, beschränken sich auf

  1. Stress und Erwartungsdruck verhindern den Höhepunkt.
  2. Sex ist auch ohne Orgasmus schön.

Lmao, danke für nichts. Generell fokussiert sich die Suche nach der Wurzel des Problems sehr stark auf die Frau und nur in einem Nebensatz wird erwähnt, dass auch die Möglichkeit des*der unbegabten, wenig einfühlsamen Partners*in bestünde.

Jedenfalls wird als Maßnahme bei Schwierigkeiten einen Höhepunkt beim Paarsex zu erreichen, Trommelwirbel, Training in Form von Selbstbefriedigung empfohlen. Also auch an dieser Stelle eine Sackgasse für mich.

Um den tatsächlichen Verlust des Orgasmusgefühls bzw. dessen Intensität, nach jahrelangen Erfolgsgeschichten drehen sich nur kurze Artikel auf fachlichen, sexual-medizinischen Webseiten mit sprechenden Namen, die sie als Spezialquellen für „Männergesundheit“ ausweisen. Die beschriebenen Symptomatiken von Anorgasmie bzw. PDOD (“Abnahme des Orgasmusgefühls”)3 klingen allerdings ziemlich speziell und trotzdem sie meinen Erfahrungen ähneln, trifft es den Nagel nicht auf den Kopf.

Sex ist auch ohne Orgasmus schön.

Bedeutet das, dass mein Problem zu selten auftritt? Haben sonst nur Menschen mit Penis und von denen auch nur ein kleiner Prozentsatz mit einem unbefriedigenden Orgasmus zu kämpfen? Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass ich mit meiner Erfahrung alleine bin, dass sich auch die Solosexualität über die Zeit verändern kann.

Mein aktuell nächster Ansatzpunkt: Mich über das Thema „Erregungsstörung“ zu informieren. Denn das ist bisher die einzige Erklärung, die ich für einen beim Paarsex und Masturbation so unterschiedlich erlebten Orgasmus finden kann. Eventuell habe ich es verlernt, mich selbst weit genug anzuturnen. Vielleicht komme ich mit meiner psychischen Erregung meiner physischen Lust nicht mehr hinterher. Was diese Spaltung ausgelöst haben könnte, ist eine andere spannende Frage und sicherlich nicht einfach mit „Abstumpfung“ oder „Gewöhnung“ zu erklären. Dafür halte ich den Zeitpunkt nämlich für reichlich spät.

Eins weiß ich aber ganz sicher. Ich gebe eine der großen Lieben meines Lebens, meinen Solo-Orgasmus, nicht so schnell auf. Und wenn ich meinen Weg aus der Masturbationskrise gefunden habe, starte ich das nächste Suchprojekt: Tipps und Tutorials für Fortgeschrittene und Profis der weiblichen Selbstbefriedigung! Und wenn es sowas noch nicht gibt, dann ist es höchste Zeit, dass wir sie in die Welt setzen. Weil doch mit Sicherheit keine, die am Anfängerlevel Geschmack gefunden hat, dort für immer bleiben will.

1 https://www.wunderweib.de/warum-bekomme-ich-bei-der-selbstbefriedigung-keinen-orgasmus-108207.html (Stand letzte Abfrage: 20.03.2021)

2 https://www.womenshealth.de/health/beschwerden/hilfe-bei-orgasmus-problemen/ (Stand letzte Abfrage: 20.03.2021)

3 https://www.maennergesundheit.info/leistungen/maennliche-sexualmedizin/ejakulationsstoerung/ausbleibender-orgasmus.html (Stand letzte Abfrage: 20.03.2021)

Über die Autorin


(sie/ihr) Cleo spricht und bloggt am liebsten über Zwischenmenschlichkeit und Lust & Frust einer promisken Frau. Manchmal hört sie auf das, was ihre Oma ihr geraten hätte. Meistens aber sagt sie lieber Dinge laut, über die ihre Oma nur verschämt gekichert hat. Cleos Lieblingswort ist “verklemmt”.

Der Text ist bereits auf Cleos Blog cleographie.com erschienen. Schaut gerne vorbei und lasst Liebe da!

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