Küsse & Tränen

Wie ich meinen Partner verlor und mich selbst fand

Wie ich meinen Partner verlor und mich selbst fand

Wenn ich meine erste richtige Beziehung mit meinem damaligen Partner mit drei Wörtern beschreiben müsste, dann würde ich sagen: unkompliziert, harmonisch, glücklich. Trotzdem hat es offensichtlich nicht für eine Hochzeit und gemeinsamer Zukunft, bis dass der Tod uns scheidet, gereicht. Und letztendlich trifft meine 3-Wörter-Beschreibung die Beziehung nur, wenn man sie oberflächlich oder von außen betrachtet hat. Woran es lag, dass ich mich getrennt habe? An ihm. Natürlich. Aber ich habe ihn bzw. uns beide an diesen Punkt gebracht. Und diese Erkenntnis tut weh. Sie tut weh, nicht weil ich einen, wie ich früher mal dachte, wichtigen Menschen verloren habe, sondern weil ich ganze fünf Jahre meiner Persönlichkeit verloren habe. Und diese Zeit lässt sich nicht aufholen.

Nach außen hin war alles wunderbar

Ich lernte meinen damaligen Partner R. in einem Club in Köln kennen, ganz klassisch hatten wir daraufhin viele Dates. Ich mochte ihn und er mochte mich, so einfach war es. Wir kamen zusammen. Er lebte damals wieder bei seinen Eltern, nach der Trennung seiner vorherigen Beziehung. Dementsprechend verbrachten wir viel Zeit in meiner Wohnung. Meine Eltern mochten ihn, er mochte meine Eltern. Wir verbrachten viel gemeinsame Zeit, wir stritten so gut wie nie, er sah gut aus, ich auch und nach ca. 3 Jahren Beziehung zogen wir zusammen. Wie gesagt klingt das alles sehr nett. Aber wie wir alle wissen ist „nett“ die kleine Schwester von „scheiße“. Und auch wenn ich dem sonst widerspreche, traf es in dieser Beziehung zu. Die Erkenntnis habe ich aber leider erst sehr viel später erlangt.

Es gehört dazu, sich in einer Beziehung in gewissen Punkten einzuschränken.

Mir ist bewusst, dass eine Beziehung ein Konstrukt ist, welches unter anderem auch aus Kompromissen besteht. Dass wir uns innerhalb einer Beziehung aneinander anpassen, ist nichts ungewöhnliches. Es gehört dazu, sich in einer Beziehung in gewissen Punkten einzuschränken. Und jeder, der nun laut „Nein“ ruft, dem muss ich sagen, dass er unrecht hat.

Kompromisse mit dem Partner eingehen

Wenn ihr vorher morgens bei einem Mann aufgewacht seid und am nächsten Abend neben einem anderen Mann eingeschlafen seid…

Wenn ihr vorher die Nächte durchgemacht habt, ohne jemandem Bescheid zu geben… Wenn ihr euch vorher keine Gedanken darüber gemacht habt, wann und ob ihr zu mittag oder abend etwas Zuhause kocht…

Wenn ihr früher eure Schlüpper auf dem Boden habt liegen lassen… Wenn ihr früher laut und ausgiebig mit geöffneter Tür euer Geschäft auf der Toilette verrichtet habt…

Wenn ihr früher bei jedem Witz wie ein grunzendes glückliches Schwein gelacht habt, ihr euch aber im Beisein der Schwiegereltern zusammenreißt, dann kann ich euch sagen, dass eine Beziehung in gewisser Weise Einschränkung bedeutet. Diese Einschränkungen müssen nicht gezwungenermaßen negativ behaftet sein. Aber Kompromisse gehören in einer Beziehung gewissermaßen dazu und sind bis zu einem bestimmten Punkt in Ordnung. Beziehungen sind aber nicht nur ein Konstrukt basierend auf Kompromissbereitschaft, sondern auch auf Augenhöhe. Ich würde behaupten, dass die sogenannte Augenhöhe das Grundgerüst ist, welche eine Beziehung zusammenhält.

Ich wähle oftmals lieber den Frieden

Ich bin auch heute noch ein Mensch, der nicht permanent und zu jeder Zeit auf seiner Meinung pocht. Manchmal ist mir der Frieden lieber, als auf meinem Standpunkt zu verharren. Mittlerweile wäge ich aber ab, wann es die Mühe wert ist und wann nicht. Ich wäge ab, ab welchem Punkt ich mich verbiegen würde und wann es nur ein Kompromiss ist, den ich eingehe, den ich mit mir und meiner Persönlichkeit vereinbaren kann. Und natürlich geht es auch darum, inwieweit es mir schadet, wenn ich darauf verzichten würde laut und deutlich „Nein“ zu sagen. Ich bin nicht mehr bereit dazu, ganz heimlich und im Stillen traurig oder wütend zu sein, nur um es meinem Gegenüber Recht zu machen. Aber genau das tat ich in meiner Beziehung.

Sich unterzuordnen ist keine Kompromissbereitschaft

Das erste Mal verlor ich meine persönliche Identität als ich versuchte mich seinem Körperideal anzupassen. Ich war eine recht schlanke Person als R. und ich uns kennen lernten. Mein Partner R. ließ es mich des öfteren wissen, dass dennoch durchaus noch Optimierungsbedarf an meinem Körper bestand. Im besonderen als er selbst anfing Bodybuilding zu betreiben. Eine Beispielsituation war, dass als ich ihn umarmte, als er gerade seine Klamotten wechselte, sagte, wie toll er ohne Klamotten aussähe. Seine Antwort darauf war, dass er sich wünschte, er könne das Gleiche über mich behaupten. Zugegebenermaßen war das die boshafteste Situation, an die ich mich erinnere aber ich möchte sie nicht mehr schön reden, so wie ich es damals gemacht habe.

Ich weinte, im Stillen für mich, denn zeigen, wie sehr er mich verletzt hatte, wollte ich nicht.

Meine Reaktion darauf? Angemessen wäre wohl gewesen, meine Sachen zu packen und ihn stehen zu lassen, eine kleine Ohrfeige (auch wenn ich gegen Gewalt bin) hätte ihm seine hässliche Persönlichkeit gegebenenfalls wieder an den rechten Platz gerückt oder zumindest hätte ich ihm sagen müssen, wie seine respektlose Aussage lediglich seinen armseligen Charakter zum Vorschein gebracht hatte, worüber seine Muskeln auch nicht hinwegtäuschen konnten. Was ich aber tat? Ich weinte, im Stillen für mich, denn zeigen, wie sehr er mich verletzt hatte, wollte ich nicht.

Als Folge seiner ständigen Kritik, unabhängig ob sie versteckt oder offensichtlich ausgesprochen wurde, wie in der genannten Situation, versuchte ich meinen Körper seinen Vorstellungen anzupassen. Ich startete eine strenge Ernährungsumstellung, auf die ich mittlerweile nur kopfschüttelnd zurückblicken kann und verdoppelte meine Sportaktivitäten. Infolge dessen kämpfte ich mich mit meinen 1,65 m auf 48 kg, die ich, schlau wie ich jetzt bin, niemals hätte auf gesundem Wege halten können. Natürlich machte mich die Gewichtsabnahme nicht glücklicher aber versessen auf das Lob und die Anerkennung von meinem Expartner, wie ich war, erschien mir meine drastische Veränderung als der einzige schlüssige Weg.

Die perfekte Partnerin

Auch in allen anderen Lebenslagen spielte ich die perfekte Freundin. Denn das wollte ich sein: die perfekte Freundin. Vorzeigbar, mütterlich, familiär, ihren Mann versorgend und dabei immer einwandfrei aussehend. Du kannst dein Leben noch so sehr im Griff haben, wenn man dir den Stress ansieht, dann ist es die gesamte Mühe natürlich nichts wert. So dachte ich.

Wie ich aussah, als wir uns kennenlernten

Abgesehen davon, dass ich meine Freundinnen absolut vernachlässigte, denn R. wollte keine Freundin, die feiern ging, hätte ich für Freundinnen keine Zeit gehabt. Zu der damaligen Zeit hatte ich einen anderthalb stündigen Weg mit Bus und Bahn zu meiner Arbeitsstelle, sowohl hin als auch zurück. R. maximal 20 Minuten mit dem Auto. Aber wie es sich für meine Vorstellung einer guten Freundin gehörte, stand ich morgens weit vor ihm auf um mich fertig zu machen. Schließlich wollte ich ihn nicht mit meinem blassen ungeschminkten Gesicht am Frühstückstisch belästigen. Danach machte ich ihm sein Essen, das er mit zur Arbeit nahm und richtete dann unser gemeinsames Frühstück her, welches auf die Minute genau zur richtigen Zeit auf dem Tisch stand, sobald er die Treppe herunter kam.

Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass er mich niemals explizit dazu aufforderte, all diese Dinge für ihn zu tun aber das musste er nicht. Die Aufforderung lag unausgesprochen in der Luft. Eine gute Freundin liest schließlich auch in den Augen ihres Mannes. Wenn ein Mann dich erst auffordern muss, dann hast du auf deutsch gesagt, schon verkackt. Es versteht sich auch von selbst, dass ich uns Abends das Essen kochte, obwohl er mindestens eine Stunde vor mir Zuhause war, oder? Als ich es einmal wagte zu fragen, ob wir uns ausnahmsweise eine Pizza bestellen konnte, da ich wirklich müde war, erntete ich einen entsetzten Blick und die Frage, ob ich noch alle beisammen hätte. Pizza passte nicht in unser Ernährungskonzept.

Dann gab es da noch J., die Frau seines Bruders. J. war perfekt. J. hatte nämlich die Figur eines 13 jährigen Jungen.

Anmerkung: An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass dies kein „bodyshaming“ meinerseits ist. Sie hatte einfach diese Statur, ohne etwas dafür tun zu müssen und das ist genauso ok, wie andere Menschen, wie ich, du oder die Nachbarin, niemals zierliche Persönlichkeiten sein werden, weil dies nicht unserem Körpertyp entspricht.

Was an der ganzen Situation nicht in Ordnung war, war der Vergleich, dem ich permanent unterzogen wurde. „J. Ist nach der Entbindung ihres 2. Kindes einfach noch dünner als vor der Schwangerschaft.“, „J. hat den Haushalt mit ihren zwei Sonnenschein-Kindern so gut im Griff, hier kann man vom Boden lecken.“, „J. hat den neuen Dyson Staubsauger Version drölf-xy, warum wünschst du dir sowas nicht auch zum Geburtstag?“. Ja, tatsächlich war J. der Typ Frau, der sich Staubsauger und Topfsets zum Geburtstag wünschte, was mir nicht einmal im Traum eingefallen wäre. Und obwohl ich J. niemals nicht mögen wollte, war ich damals oftmals neidisch, was lediglich eine nachvollziehbare logische Konsequenz infolge der Gesamtsituation war.

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Die Familie von R. war eine grundsätzlich herzliche süße Familie und ich fühlte mich in ihrer Anwesenheit wohl. Darüberhinaus mochte ich die polnische Gastfreundschaft, welche der spanischen Kultur, die ich von meiner Familie gewohnt bin, in gewisser Weise ähnlich war. Allerdings begrenzte sich mein Wohlgefühl zumeist nur auf die Treffen, bei denen kein Alkohol im Spiel war. Der betrunkene Vater meines Expartners neigte dazu, mir wahlweise lüstern ins Dekolleté zu starren und anzügliche Bemerkungen fallen zu lassen oder mich, und da wären wir wieder beim leidigen Figurthema, zu beleidigen.

Und natürlich kommentierte ich die Situation nie wieder, um den lieben Frieden willen, versteht sich.

Ich erinnere mich an eine Familienfeier, bei der der mal wieder betrunkene Vater zur Schwägerin J. schaute und sagte, wie toll ihre Figur war, obwohl sie gerade entbunden hatte. Um dann auf mich zu blicken mit dem Kommentar, dass mein Bauch hingegen aussähe, als ob ich gerade einen BigMac verdrückt hätte. Und wieder stellt sich die Frage, wie ich reagiert habe. Eine angemessene Reaktion wäre wohl gewesen, aufzustehen, ihm ein paar Takte dazu zu sagen, meinen Partner zu schnappen, die Feier zu verlassen und auf eine Entschuldigung zu warten. Stattdessen weinte ich im Badezimmer. Und natürlich kommentierte ich die Situation nie wieder, um des lieben Friedens willen, versteht sich.

Den Partner verlieren…

Spulen wir die Geschichte nun bis kurz vor Ende vor. Ich fand heraus, dass er auf einem seiner Männer-Abende eine andere Frau kennengelernt und sich mit ihr auf ein Date verabredet hatte. Dass ich es herausfand war lediglich der Tatsache geschuldet war, dass er nicht gut lügen konnte. Ein wenig Glück spielte mir hierbei aber auch in die Hände. Und auch wenn er noch nicht im klassischen Sinne fremdgegangen war, war die Tatsache, dass er sich nach einer anderen Frau umgeschaut hatte, wie ein Schlag in mein Gesicht, den ich gebraucht habe. Sein Verhalten öffnete mir endlich die Augen. Wie aus dem Nichts wurde mir klar, dass ich mich 5 Jahre für einen Menschen aufgeopfert hatte, der beschlossen hatte, dass ich ihm dennoch oder gerade aufgrund meines unterwürfigen Verhaltens nicht gut genug war. Ich gehe von letzterem aus.

Ich fiel nach der Trennung in ein schwarzes Loch aber ich wusste plötzlich, dass ich mich in das Loch fallen lassen und aus eigener Kraft herausklettern musste, um mich selbst wieder zu finden.

Ich beendete die Beziehung ohne Umschweife und er hörte nie wieder von mir. Für viele Frauen mag das eine logische Konsequenz sein aber für mich war meine Reaktion rückblickend betrachtet sehr stark. Ich hatte immerhin alles getan um ihm zu gefallen, um die Beziehung aufrecht zu erhalten, immer unter dem Aspekt der Angst, dass ich ihm irgendwann nicht mehr reichen würde. Zu meinem damaligen Verhalten hätte es gepasst, in einen Kampf um die Beziehung zu gehen, was ich glücklicherweise nicht tat. Ich fiel nach der Trennung in ein schwarzes Loch aber ich wusste plötzlich, dass ich mich in das Loch fallen lassen und aus eigener Kraft herausklettern musste, um mich selbst wieder zu finden.

Erst einige Zeit später wurde mir klar, dass ich sogar körperliche Reaktionen auf den damaligen Stress entwickelt hatte. So hatte ich während der letzten 2 Jahre der Beziehung eine Art Tinnitus entwickelt, der von keinem Arzt behandelt werden konnte. Ich beschloss daraufhin, mich mit meinen Ohrgeräuschen abzufinden. Kurz nach der Trennung hörten sie plötzlich und ohne ersichtlichen Grund auf. Ich bekam in den darauffolgenden Jahren noch ganz selten und dann auch nur einen kurzweiligen Tinnitus immer dann, wenn mich eine Situation gedanklich sehr stark belastete oder ich mich unter extremen Stress befand.

…um mich selbst zu finden

Ich bin seit der Trennung von R. keine feste Beziehung mehr eingegangen. Ich habe keine Angst mehr davor, mich für einen Mann so aufzuopfern, bin aber trotzdem sehr vorsichtig geworden, wen ich möglicherweise nah an mich heranlasse. Ich weiß durchaus, dass mich die Beziehung in gewisser Weise negativ aber auch positiv verändert hat. Tatsächlich bin ich potenziellen Partnern gegenüber misstrauischer geworden und überlege mir dreimal, ob jemand meine Gefühle wert ist. Das Gute aber ist, dass ich mittlerweile mit mir selbst, meinem Körper, meinem Charakter im Reinen bin. Die Selbstzweifel, die ich damals in Bezug auf mein Aussehen hatte, sind vollends verschwunden, obwohl ich seitdem 10 kg zugenommen habe.

Freundschaften, die mir zeigen, was es bedeutet, für jemanden da zu sein.

Ich weiß, dass ich ein toller Mensch bin, den andere gerne um sich haben und zu schätzen wissen. Die Trennung hat dazu geführt, dass ich meinen Weg nach Köln gefunden habe. Hier habe ich die unterschiedlichsten Persönlichkeiten kennengelernt, Menschen, die mich lieben, wie ich bin und die ich genauso liebe, wie sie sind. Freundschaften, die mir zeigen, was es bedeutet, für jemanden da zu sein, unabhängig davon, welche Schwächen ich habe, wie ich aussehe, oder mein Leben auch mal nicht im Griff habe.

Am Ende eines jeden Artikels möchte ich immer gerne ein kleines Fazit mit auf den Weg geben. Jeder Mensch, der unser Leben betritt, hält eine Aufgabe für uns bereit. Es ist nicht nur eine weichgespülte Floskel, dass auch die negativen Erfahrungen uns sehr viel wichtiges lehren. Gerade die negativen Erfahrungen, zeigen uns wer wir sind und wer wir sein können, wenn wir wollen.

Ich bin nicht frustriert über meine Beziehung mit R. Die Trennung hat eine Tür für mich geöffnet, welche mir sonst verschlossen geblieben wäre. Eine Tür zu mir selbst, zu Selbstakzeptanz und Selbstliebe. Eine Tür zu wunderbaren Menschen, die so viel besser zu mir sind als R. es jemals hätte sein können und das sogar bedingungslos.

Wie ich mich kurz nach der Trennung fühlte und den Schmerz überwunden habe, erfährst du hier: Trennungsscherz

Über den Autor

Mein Idol: Pipi Langstrumpf. Ein freches Mädchen, mit immer perfekt sitzender Frisur, Tendenz zur Rothaarigkeit, trägt viel zu kurze Kleider und liebt Strümpfe, lebt alleine in einer Villa Kunterbunt, ist das stärkste Mädchen auf der Welt, hat eine eigenwillige Moralvorstellung, ist ein wenig naiv aber immer für ihre Freunde da und rockt ihr Leben ganz ohne Mann oder Vaterfigur. Das bin ich.

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