Küsse & Tränen

Das Häufchen stinkt (Teil 2)

Das Häufchen stinkt

“Wir können den Männern nur vor den Kopf schauen.” Mit dieser Aussage startete Teil 1 der Geschichte über David. Ich hatte aber mittlerweile nicht nur vor seinen Kopf geschaut, sondern auch rein. Zumindest so weit hinein, wie er mich blicken lies. Und langsam dachte ich mir: Das Häufchen stinkt.

Er sprach davon, dass er nun endlich ein Ziel (mich) habe um seine Artbeitszeit zu reduzieren. Wenn wir uns nicht sahen, beteuerte er, dass er mich vermisste. Wir sprachen viel über den Tod seines Bruders und verarbeiteten diesen gemeinsam. Wir bauten eine intensive Beziehung zueinander auf und ich fühlte mich immer mehr wohl mit der Vorstellung, dass ich nun einen Partner hatte. Ich hatte das Gefühl, nun endlich verstanden zu haben, warum ich so lange Single gewesen war. Es erschien mir plötzlich absolut richtig, dass ich auf jemanden gewartet hatte, der mir das gab, was er mir gab.

Kennenlernen der Endgegner

Mein Bonuspapa plante seinen runden Geburtstag groß. Es waren viele Gäste eingeladen und wir freuten uns alle sehr auf den Tag. Er hatte eine Bar gemietet und es sollte etwas ganz Besonderes und Großes werden. Ich hatte bis kurz vor der Feier nicht daran gedacht David ein zu laden, mir erschien es zu früh. Aber zwei Wochen vor der Feier entschied ich mich spontan um. Wer wollte schon eine spießige Kennenlernsituation im Wohnzimmer meiner Eltern bei Kaffee und Kuchen? Im schlimmsten Fall gähnende unangenehme Stille. Im besten Fall? Naja, eben ein blödes Kaffeekränzchen. Eine Geburtstagsfeier, bei der niemand gezwungen ist, Frage und Antwort zu stehen, in ausgelassender entspannter Stimmung, war für mich der beste Moment um David vor zu stellen und einen schönen Abend zu verbringen.

So fragte ich ihn an einem unserer wunderschönsten Abende auf dem Kölner Weinfest und er antwortete, dass er sich sehr freuen würde mit zu kommen. Er gab seine Zusage aber nur unter der Bedingung, dass ich ihn am Tag nach der Feier auf ein Kaffeekränzchen zu seinen Eltern begleitete. Toll, dachte ich mir. Ich hatte ihm die harte Crux des Horrorkennenlernens genommen, mich selbst aber genau in dieses Szenario als Haupt-Act hineinkatapultiert. Dennoch sagte ich natürlich zu. Ich war ja trotzdem froh, dass er es wohl mindestens genau so ernst mit mir meinte, wie ich mit ihm.

Das Häufchen stinkt

Am Tag vor der Feier hatten David und ich uns bei mir verabredet. Er kam schon mit einem Gesicht rein, das mir sagte, dass nun nicht die besten Nachrichten folgen würden. David erzählte mir, dass er einen Drehauftrag für Hamburg für das Wochenende der Geburtstagsfeier bekommen habe und er nicht mitkommen könne.

Habe ich mich aufgeregt? Nein. Habe ich ihn angezickt? Nein. Habe ich mit Dingen um mich geworfen? Nein. Habe ich verständnisvoll genickt, ihm versichert, dass ich es schade finde aber natürlich nachvollziehen kann, dass seine Arbeit vor geht? Ja.

David schlug vor, mich auf den Weg nach Hamburg bei meinen Eltern ab zu setzen. Ich erzählte meiner Mutter davon und sie schlug vor, dass er auf dem Weg gerne mit reinkommen könnte um sich zumindest kurz kennen zu lernen. David war einverstanden. Und da war es, das spießige Kennenlernen, dass ich eigentlich vermeiden wollte.

Am nächsten Tag sammelte David mich Zuhause ein und wir fuhren gemeinsam zu meinen Eltern. Wir saßen zu viert zusammen auf der Terrasse. Und entgegen meiner Befürchtung war das Aufeinandertreffen entspannt und sogar sehr lustig. David und mein Bonusvater verstanden sind sehr gut, es gab keine unangenehmen Gesprächspausen, niemand fragte David über eventuelle kriminelle Machenschaften, uneheliche Kinder oder seinen allgemeinen Notendurchschnitt aus. Es war perfekt. Nachdem David gegangen war, rief er mich sofort aus dem Auto an und erzählte mir voller Begeisterung, wie toll das Treffen für ihn gewesen sei und dass er sich unbedingt nach seiner Rückkehr noch einmal mit mehr Zeit mit meinen Eltern treffen müsse. Ich freute mich darüber. Denn tatsächlich ist es mir sehr wichtig, dass mein Partner und meine Familie sich verstehen.

Wendepunkt

Ihr wisst ganz genau, dass an irgendeinem Punkt in dieser Geschichte die Wendung kommt. Ich hatte es angedeutet. Wir wissen doch, dass ich keine Geschichte über einen Mann schreibe, in der ich das Häufchen suchte aber nicht fand. Stellt euch den Lauf der Geschichte wie einen Hügel vor. Der Weg ist anfangs etwas steinig aber ich gehe weiter, denn um mich herum sind lauter Gänseblümchen, die Sonne scheint, Schmetterlinge fliegen, es duftet nach Glück. Die Schmetterlinge wichen… Der Duft verschindet, denn das Häufchen stinkt.

Ich komme oben an, lasse den Blick schweifen, genieße die Aussicht, ich stoße meine Fahne in den Boden und bin glücklich. Bin bereit meine Decke aus zu breiten und es mir gemütlich zu machen.

Und was kommt dann? Natürlich ziehen Wolken auf, als ich gerade bereit bin, mich der Situation und dem Moment hin zu geben.

Sonntag Abend schrieb David mir aus Hamburg, dass er noch ca. 1 Std arbeiten müsse und sich dann auf den Weg nach Hause machen wolle. Ich antwortete ihm, dass er mich gerne kurz anrufen könne wenn er im Hotel angekommen sei. Ich hörte und las den ganzen Abend und die ganze Nacht nicht mehr von ihm. Am nächsten Morgen erklärte er mir, dass er noch mit seinen Kollegen unterwegs gewesen sei und er doch noch spontan eine weitere Nacht in Hamburg verbracht habe. Ich sagte ihm, dass ich mich gefreut hätte, wenn er kurz Bescheid gegeben hätte. Daraufhin hörte ich zwei Tage nicht mehr von ihm. Ich dachte mir erst einmal nicht viel dabei.

Gestank

Er hatte ein anstrengendes Wochenende hinter sich gehabt und startete ohne Pause in die neue Woche. Dazu kam, dass er vielleicht etwas eingeschnappt von meiner letzten Nachricht war. Wir waren frisch in diesem “Beziehungs-Ding”. Ich kannte es aus meiner vorherigen Beziehung, dass man anfangs wegen Kleinigkeiten aneinander eckte. Wie z.B. darüber ob man Bescheid gab, wenn man spontan eine Nacht wegblieb, wann man nach Hause kam, wie oft man sich überhaupt meldet, wann es zu viel ist, wann zu wenig, ob der andere schneller oder weniger schnell antwortet. Banalitäten, die sich in der Regel einpendeln, wenn man einander besser kennenlernt. Vor allen Dingen mit Bezug auf seine Gewohnheiten und Eigenheiten hinsichtlich kommunikationsbedingter Herausforderungen in einer Welt, in der Kommunikation so unfassbar einfach aber dadurch natürlich auch anstrengend ist.

Deswegen bezog ich seine Stille auf meine kleine Meckerei, dass ich gerne gewusst hätte, wenn er wegblieb. Ich lies ihn erst einmal schmollen. Für mich war das Thema vergessen und abgehakt und es gab keinen Grund weiter darüber zu sprechen. Am dritten Tag wunderte ich mich doch und ich rief ihn Abends an. Er nahm nicht ab. Ich bekam dieses erste seltsame Gefühl und ich rief ihn von meinem Diensthandy an, einer Nummer, die er nicht kannte. Als es klingelte, wünschte ich mir fast, dass er wieder nicht abnehmen würde. Denn dies würde bedeuten, dass er tatsächlich gerade keine Zeit oder sein Handy nicht in der Nähe hatte. Er nahm aber ab. Ich sagte mir “blöder Zufall” und lies mir nichts anmerken und fragte ihn einfach, wie es ihm ging und ich mich freute, seine Stimme zu hören.

Ist das Ghosting oder kann das weg?

Er wimmelte mich damit ab, dass er noch 2 Stunden arbeiten müsse und mich dann anrufen würde. Kein Problem. Nach 2 Stunden schrieb er mir, dass er sich am nächsten Morgen melden würde. Kein Problem. Am nächsten Morgen schrieb er mir, dass er es wieder nicht schaffe und er sich später melden würde. Kein Problem. Ich hörte bis Nachts nichts von ihm. Ich schrieb ihm zum Feierabend, dass ich Zeit hätte zum Quatschen. Er antwortete nicht. Wir hatten definitiv ein Problem aber ich verstand nicht welches und ich wollte es nun wissen. Ich rief ihn an, er nahm nicht ab. Ihr kennt das Spiel. Ich rief ihn von meinem Büro Festnetztelefon an, er nahm ab. Nun war ich sauer und zwar richtig.

An diesem Punkt möchte ich gerne kurz etwas klären. Ihr fragt euch wahrscheinlich, warum ich ihm in dieser Form „hinterherlief“. In der Regel würde ich einem Mann, der so klare Anti-Signale sendete, nicht eine weitere Minute meiner Zeit schenken. Wir wissen alle, was Ghosting bedeutet. Und natürlich hatte ich an diesem Punkt bereits begriffen, dass er gerade eine Ghosting-Nummer mit mir abzog.

Ghosting Definition lt. Wikipedia: Unter dem Begriff Ghosting versteht man in einer zwischenmenschlichen Beziehung einen vollständigen Kontakt- und Kommunikationsabbruch ohne Ankündigung. Obwohl vorher etwa Dates stattgefunden haben oder eine Beziehung bestand, laufen plötzlich jegliche Kontaktversuche ins Leere.

Dafür bekommst du keinen Pokal

Meiner Meinung nach war Ghosting aber etwas, was höchstens in der Tinder-Welt ablief. Zwei Menschen kommunizieren, lassen sich das Ego durch das Gegenüber pushen, testen ihren Marktwert oder lassen sich die Langeweile versüßen. Zeitvertreib. Nebenbei hat man aber noch ein paar weitere Eisen im Feuer. Man bricht den Kontakt ohne Grund und Vorankündigung ab, weil man keine Lust mehr oder ein neues Objekt der Begierde gefunden hat. Diese Menschen, die Ghosting betreiben, haben meiner Meinung nach zwar keinen Pokal verdient, müssen wegen dieses Verhaltens aber auch nicht in der Hölle schmoren. In meiner Welt ghosteten Menschen aber nur wenn noch keine besonders intensive Bindung aufgebaut worden war. Dass ich gerade geghostet wurde, erschien mir nicht real und nicht wirklich schlüssig. Wir führten eine Beziehung. Er hatte meine Eltern kennen gelernt. Ich stelle niemals irgendwen meinen Eltern vor und das wusste er.

Meine Eltern sind der Endgegner, auf eine liebe und flauschige Art und Weise. Und das nahm ich ihm übel, sehr sehr übel. Das lies ich ihn im Telefonat spüren. Wie es weiter ging? Das erfahrt ihr in: Das Häufchen abziehen (Teil 3)

Hast du Teil 1 schon gelesen? Falls nicht, geht es hier zu:

Wo ist das Häufchen? (Teil 1)

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Über den Autor

Mein Idol: Pipi Langstrumpf. Ein freches Mädchen, mit immer perfekt sitzender Frisur, Tendenz zur Rothaarigkeit, trägt viel zu kurze Kleider und liebt Strümpfe, lebt alleine in einer Villa Kunterbunt, ist das stärkste Mädchen auf der Welt, hat eine eigenwillige Moralvorstellung, ist ein wenig naiv aber immer für ihre Freunde da und rockt ihr Leben ganz ohne Mann oder Vaterfigur. Das bin ich.

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