Gedanken

Wenn die Sonne wieder aufgeht

Sonnenaufgang

Für Dani

Die Sonne geht auf. 

Ich war schon wach, als Du die Zimmertür öffnetest und das Schlafzimmer betratst. Dennoch blieb ich liegen und wartete. Kurz darauf streichelte deine Hand meine Schulter, ich schaute zu Dir hoch und sah dein breites Lächeln. Bei jeder anderer Person hätte mich so ein Aufweck-Versuch – trotz Sanftheit – bestimmt irritiert, aber nicht bei dir. Ich stand auf und wir verließen gemeinsam das Zimmer. Schon im Flur konnte ich den frisch gekochten Kaffee riechen. Ich folgte dir in die Küche. Unsere Finger berührten sich als Du mir die Tasse in die Hand drücktest. Unsere Blicke kreuzten sich. Wir grinsten, sagten aber nichts. Es war nicht nötig. So standen wir nebeneinander in der Küche und schlürften an unserem Kaffee. Draußen färbte die Morgendämmerung den Himmel, während sich die Sonne darauf vorbereitete aufzugehen. 

06:55 Uhr. Die Vorfreude war in der Luft spürbar. Die Autofahrt bis zu unserem Ziel dauerte maximal 10 Minuten. Wir fuhren durch die Schranke, parkten das Auto und stiegen aus. Augenblicklich spürten wir die typische frische, mediterrane September-Brise. Gemeinsam gingen wir einige Schritte über den Landungssteg, dann nahmst Du meine Hand und halfst mir auf die Maeva. Die 12 Meter große Yacht bewegte sich im Rhythmus des Wassers und wir balancierten mit.

Die ersten Sonnenstrahlen ließen das Wasser funkeln. Ich nahm meine Position am Bug der Maeva ein und wartete. Kurz darauf hörte ich die zwei 500 PS Motoren brüllen. Auf deinen Zeichen ließ ich die Leinen vom Ufer los und holte die Fender ein, nachdem wir die Anlegestelle verlassen hatten. Dann balancierte ich mich vom Bug wieder zurück ins Achtercockpit und setzte mich zu dir. 

Im Schritttempo fuhren wir durch den Hafen bis wir das Meer sahen. Wie immer, wenn nur noch Salzwasser und Horizont vor uns lagen, vergaßen wir den Rest der Welt. Auf der Maeva gab es nur Platz für uns. Während die Maeva über die mediterranen Gewässer flog, wurde die Skyline Barcelonas hinter uns immer kleiner. Als der Hafen kaum zu sehen war, nahmst Du meine Hand in deine. So fuhren wir eine Weile der Sonne entgegen, während diese unsere Haut wärmte. Keiner traute sich etwas zu sagen aus Angst, dass Wörter die spätere Erinnerung an diese gemeinsamen Momente trüben würden. 

Mit Dir bin ich glücklich. 

Die Fahrt verlangsamte sich, das Motoren-rauschen wurde leiser. Die Sonne, mittlerweile hoch im Himmel, ließ die Wasseroberfläche wie ein Feld aus Diamanten glitzern. Du sagtest „jetzt darfst Du“. Ein lächeln machte sich auf mein Gesicht breit, denn ich wusste natürlich was Du meintest. Ich stand auf, ließ deine Hand los – nicht ohne wiederworte deinerseits – und machte mich auf dem Weg zum Bug. Vorsichtig setzte ich mich hin und hielt mich an der Reling fest, während meine Beine vor dem Bug der Maeva baumelten.

Ein strahlender Blick zurück ließ dich wissen, dass ich bereit war. Ebenfalls strahlend sahst Du mich an. Augenblicklich entspannte sich dein Körper. Das nervöse zucken an deiner rechten Gesichtshälfte war verschwunden. Ein breites Grinsen, ein Augenzwinkern, dann ließt Du die Motoren wieder hochfahren.

Als würde die Welt stillstehen. So fühlte es sich an, wenn wir über das Meer flogen. Ich vertraute Dir. Mit Dir konnte ich loslassen. Auch wenn Du mich immer wieder daran erinnern musstest. Aber du tatst es. Immer und immer wieder. So ließ ich an dem Tag, zum ersten Mal nach sehr langer Zeit, los. Nicht nur die Reling. Ich vergaß die Welt. Ich vergaß die Tatsache, dass ich sieben Tage später nach Deutschland ziehen würde. Ich vergaß, dass ich dich nicht mehr in meiner Nähe haben würde. Ich vergaß die Angst, die ich auf diese Veränderung hatte. In dem Moment gab es nur uns beide und das Meer. Und das war unbeschreiblich. Ich schaute zu Dir und dein Gesicht verriet mir, dass es dir genauso ging. 

In den dunklen, tiefen Gewässern des Mittelmeeres legten wir Anker. Dann legten wir uns auf dem gepolsterten Bug nebeneinander hin. Ich spürte deinen Blick auf mich ruhen, drehte mich zu Dir und fragte was los sei. Du sagtest: „Ich bin einfach glücklich hier zu sein, mit Dir“. Dann nahmst Du meine Hand, drücktest diese fest und küsstest mich.

Wenn die Sonne wieder aufgeht.

Wenn ich uns zusammen beschreiben müsste, dann würde ich mich auf die Szene bei Titanic, in der Jack und Rose in der Party der 3. Klasse sind, beziehen. Jack fordert Rose zum Tanzen auf, daraufhin sagt sie „[…] I can’t do this […] I don’t know the steps“ und er antwortet lediglich „[…] Neither do I, just go with it […]“. Er zeigte mir, dass man nicht viel braucht, um glücklich zu sein. Er zeigte mir, dass jeder Tag zählt. 

Die Maeva war unser Himmel auf Meeren und die Sonne war unser Kompass. Auf See mit der Maeva fühlten wir uns beide sicher. Und waren glücklich.

Die Maeva war unser Himmel auf Meeren und die Sonne war unser Kompass. Auf See mit der Maeva fühlten wir uns beide sicher. Und waren glücklich. Am 29. Juni 2018 ging Dani alleine auf See und kam nie wieder zurück. Sein Meer ist jetzt der Himmel und der Mond zeigt ihm die Richtung. Er fliegt wieder. Aber diesmal alleine.

Dani rettete mich. In jeder Hinsicht in der eine Person gerettet werden kann. Und irgendwann, an einem Ort jenseits von Himmel oder Erde, werden wir uns treffen, wenn die Sonne wieder aufgeht.

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Über den Autor

Die Welt ist meine Heimat, der Ozean meine Energiequelle und Salzwasser meine Blutgruppe. Mein Gesicht ist ein offenes Buch, meine Emotionen habe ich nach 28 Jahren immer noch nicht unter Kontrolle und meine Augen sprechen für mich, ob ich es will oder nicht.

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