Er wird's nicht Küsse & Tränen

Herz und Verstand (Teil 2)

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125 Tage waren vergangen seit ich mich an dem Puzzle herangetraut hatte und nach Longerich gefahren war, um J’s Geburtstagsbrief persönlich in seinen Briefkasten zu werfen. Einen Brief, den ich mit diversen Buntstiften und meinem all-time-favourite-Kugelschreiber auf mehrere Collegeblock-Seiten schrieb (ja Freunde, Ihr habt es richtig gelesen. Auf 7 Seiten. Vor- und Rückseite. Mit einem Kugelschreiber. Und meiner rechten Hand.). Ein Brief, in dem ich versuchte, nicht nur meine Gedanken, sondern auch meine Gefühle ihm gegenüber so gut es ging zu sortieren und in Worte zu fassen. Wie ein Puzzle eben. Ein Mix aus Herz und Verstand.

Den ganzen Winter über versuchten wir versuchte ich eine Verbindung wiederherzustellen. Es klappte mal mehr mal weniger. Ich versuchte durch E-Mails einen Dialog zu starten, der zwar zustande kam, aber hauptsächlich mit Einsilblern seinerseits gefüllt war. Er versicherte mir immer wieder, dass ich immer schreiben könne und er immer ein Ohr für mich haben würde, dass die Distanz und Kälte seinerseits lediglich ein Schutzmechanismus war. Schutzmechanismus wovor? Vor mir? Aber warum? Fragen über Fragen…Jedenfalls behielten wir diesen Rhythmus bei, mal verkrampfter, mal lockerer…ganze 4 Monate. Bis zum 12. April 2019.

Freitag, 12. April 2019, vormittags

Am Morgen des 12. Aprils war ich irgendwas zwischen sehr aufgeregt und nervös. Es waren ein paar Tage (oder waren es Wochen?) vergangen seitdem ich Ihm geschrieben hatte „spätestens am 12. April sehen wir uns wahrscheinlich eh.…“.  Als er auf meine Mail mit einem Fragezeichen antwortete, war ich kurz verunsichert. Wir hatten die Tickets für das Mark Forster-Konzert in der Lanxess Arena vor eineinhalb Jahren zeitgleich(-weil-nicht-gemeinsam) gekauft. Damals war der Plan gewesen, uns die Show zusammen anzuschauen. Mark Forster war schließlich der Grund, weswegen das zwischen uns im Herbst 2018 anfing. Hatte er seine Tickets vielleicht verkauft? Nein, das kann nicht sein.  Oder doch? Vielleicht wegen mir? Da ich mir nicht sicher war wie offensiv ich das Thema ansprechen sollte, schrieb ich lediglich „MARKI“ zurück.  „Das reicht“ dachte ich. 

Und es reichte. Um 14:39 Uhr schrieb er: „Sag mal, wann ist denn da heute Einlass bzw. Beginn? Ich wollte mich erst über die Frage aufregen, weil wie kann man sowas nicht wissen? Wie konnte ER so etwas nicht wissen? Dann sagte eine Stimme in meinem Kopf: „Vielleicht fragt er, weil er so herausfinden möchte wann Du da sein wirst, du Nuss“. Ich sammelte mich und versuchte meine Gedanken zu sortieren. Es gab tatsächlich den Hauch einer Chance ihn heute zu sehen, auch wenn vielleicht nur für ein paar Minuten. 

Aber warum wurde ich bei dem Gedanken ihn zu sehen nervös? Noch dazu inmitten von ca. 16000 Menschen? Was könnte schon passieren? Wir hatten die letzten Monate nur flüchtig Kontakt gehabt und gesehen hatten wir uns das letzte Mal vor einer halben Ewigkeit (wir tun so, als ob ich nicht genau wüsste wann und wo das war). Außerdem ist es ja nicht so als wären wir dann alleine, schließlich waren seine und meine Mutter unsere jeweiligen Begleitpersonen.  

Kurz nach 18:30 Uhr und nach Untersuchung der besten Plätze im Innenraum der Lanxess Arena, nahmen meine Mum und ich unsere Stellung vor dem FOH (Licht- und Tontechniker für die Nicht-Event-Spezialisten) ein. Und dann hieß es 2 Stunden warten. Es wurde von Minute zu Minute voller und meine Enttäuschung wuchs mit jeder Person, die durch die Tür kam. Keine von denen war J. Als er mir „vermute mal wir werden uns nicht sehen…von daher…viel Spaß“ schrieb, wurde mir klar, dass mein Wunschgedanke ihn zu sehen, einfach nur bescheuert war. Wie dumm von mir zu glauben, dass wir uns wirklich einfach so über den Weg laufen würden. Durch Zufall. Inmitten von 16000 Menschen. Entschlossen verstaute ich mein Handy in die Hosentasche und beschloss mich auf Mark Forster zu konzentrieren, der in genau 10 Sekunden auf der Bühne stehen würde.

Bescheuert musste auch mein Gesichtsausdruck gewesen sein, als ich kurz nach Konzertbeginn auf mein Handy schaute und folgende Nachricht auf das Display sah: „Ich sehe dich…auf 7 Uhr!“ WTF!!! 7 UHR? 7 UHR WO? In Kambodscha??? Im Auenland?? In der Kammer des Schreckens??? Wieso können Männer nie Klartext reden…Mein Herz raste, mein Bauch machte 3 Pirouetten, ich spürte das Blut durch meinen Körper strömen, die innere Stimme war sprachlos. Ich schaute über meine rechte Schulter (ich wusste ja nicht von welcher Zeitzone er sprach!) sah aber niemanden. Schaute wieder nach vorne und dann machte mein Herz einen Sprung. Da stand er. Inmitten der singenden und tanzenden Masse stand er mir gegenüber. 3 Sekunden lang starrten wir uns nur an, dann umarmten wir uns. Auf der Bühne sang Mark „Und egal wie weit Du weg bist, bist Du doch immer irgendwie dabei…bei mir“. 

Ich kann diese Umarmung nicht beschreiben. Aber es fühlte sich so gut an. Es fühlte sich richtig an. Es war eine dieser Umarmungen, die man nur aus Flughäfen kennt. Wenn auf einmal die Türen aufgehen und man die Person sieht, auf die man Tage, Monate, ja, vielleicht sogar Jahre gewartet hat. Eine dieser Umarmungen bei der man sich so fest drückt, dass es fast weh tut. Eine dieser Umarmungen, die so viel mit so wenig zum Ausdruck bringen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit (es waren max. 15 Sekunden gewesen) beendeten wir unsere Umarmungen, begrüßten uns wie Normalsterbliche Menschen, tauschten die üblichen „Wie geht es Dir-Fragen aus. Ich fragte nach seiner Mum und er beschloss sie dazu zu holen. 

Da standen wir also. Er. Ich. Unsere Mütter. Mark Forster. 16000 andere. 

Herz und Verstand

Wahrscheinlich ging es nur uns so, aber man konnte die Anspannung in der Luft spüren. Wir standen nebeneinander, starrten uns an und sangen im „Flüsterton“ all das was bisher ungesagt blieb, während 16000 Menschen die Arena in einem Sternenhimmel verwandelten. Und dann passierte es. Ungewollt. Gewollt. Ungewollt gewollt. Unsere Hände berührten sich. Erst nur flüchtig. Eine Berührung die nur eine Sekunde dauerte. Dann passierte es wieder, dieses Mal deutlich länger. Beim dritten Mal verschränkten wir unsere Hände ineinander. Bauch, Kopf, innere Stimme…alle ruhig, sprachlos. Herz war laut. Sehr laut. 

Die Tatsache, dass das den Abend noch geschätzte fünfmal und von Mal zu Mal immer intensiver passierte, sagte mir, dass das kein Zufall war. Es fühlte sich richtig an. Alle Puzzleteile passten zusammen. Jedes einzelne Teil. Herz und Verstand.

Mindestens so laut wie mein Herz, den Gott sei Dank nur ich hören konnte, schrie die Arena: „und die Chöre singen für dich….“. Dann regnete es Konfetti. Eine Explosion aus Funken, Glitzer und Gefühlen. Sein Kopf auf meiner Schulter. Unsere Hände ineinander verschränkt. Alles war perfekt. 

Nach ca. 2,5 Stunden des „having the time of your life” war die Show vorbei. Meine innere Stimme meldete sich nach Ewigkeiten wieder und fragte mich, wie es jetzt weitergeht. Aber ging es jetzt überhaupt weiter?

Wir verließen zu viert die Arena, nicht ohne dabei das Gedränge auszunutzen, um nochmal Händchen zu halten, ohne dass unsere Mütter es merken. Dann, als wäre das Universum auf unserer Seite, waren wir auf einmal allein. Draußen vor der Arena. Seine Mutter auf Toilette, meine unsere Jacken an der Garderobe abholen. 

Da standen wir also wieder. Diesmal ohne Mütter. Ohne Mark Forster. Ohne 16000 andere um uns herum. 

Wir starrten uns wieder an. Doch diesmal war es anders als sonst, denn starren war schon immer eine unserer Lieblingsbeschäftigungen. Es war ein Starren gefüllt mit Fragen und Sehnsucht, voller Liebe und „Saudade“ (wie man in Brasilien so schön sagt). Keiner sprach, wir starrten uns lediglich an. Unsere Blicke schrien: „Küss mich“. Unsere Körper schrien: Küsst euch!“

27 Sekunden des Stillstands. Warum tat er nichts? Spürte er nicht das gleiche wie ich? Merkte er nicht, dass Herz und Verstand sich zum ersten Mal einig waren? Was bedeuteten die letzten 2,5 Stunden? War die Tatsache das wir uns unter 16000 Menschen gesucht und gefunden hatten nicht Zeichen genug? Reichte es nicht, dass wir der allerschönste Fehler des anderen waren? Das wir, wie ein Pop-Up-Fenster, immer wieder im Leben des anderen auftauchten? 

Und dann sagte er: „Du bist so Scheiße…“

Jeder andere hätte sich in diesem Moment umgedreht und wäre gegangen. Denn in der Regel bedeutet „Du bist so Scheiße“ einfach genau das. 

Doch ich blieb. Denn ich wusste ganz genau was dieser Satz bedeutete. Nur ich hätte es verstehen können

Ich bin mir sicher, daß in unserer Gesellschaft der Satz „Du bist so scheiße“ zu 99,999% einfach „Du bist so scheiße“ bedeutet, aber nicht so in diesem Fall.

„Komm zurück zu mir, geh nicht weg von hier, halt an, lauf‘ nicht weiter.” war das was ich ihm eigentlich sagen wollte. Das und noch so viel mehr. Stattdessen brachte ich nur ein leises: „Ich weiß…“ zustande.

Freitag, 12. April 2019 (ca. 23:36 Uhr)

…Ich schließ die Haustür hinter mir und fing augenblicklich an zu heulen….Hätte mir jemand gesagt das dieser Abend so verlaufen würde hätte ich denjenigen ausgelacht. Was war das bitte für ein Tag!!!! 

J. und ich hatten heute, nicht nur eine Oscar-Verdächtige-Hollywood-Romanze zustande gebracht, sondern den besten Cliffhänger, den die Welt je gesehen hatte, gezaubert und somit Material für eine Fortsetzung produziert. Au revoir Bridget Jones !

Endlich Zuhause konnte ich meinen Gefühlen freien Lauf lassen. Während der gesamten Bahnfahrt nach Hause, hatte ich mich zusammengerissen. Meine Mutter sollte nichts von der Auseinandersetzung zwischen meinem Bauch, Kopf und Herz und Verstand mitkriegen. Aber in der Sicherheit meiner eigenen vier Wände konnte ich ungestört der Diskussion in meinem Körper lauschen. Tränen liefen meine Wangen herunter, während mein Körper vor Schmerz vibrierte. 

Inmitten des Unwissens wie und ob es mit uns weiter gehen sollte, war eine Sache klar: „wir“ waren lange nicht vorbei.

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Über den Autor

Die Welt ist meine Heimat, der Ozean meine Energiequelle und Salzwasser meine Blutgruppe. Mein Gesicht ist ein offenes Buch, meine Emotionen habe ich nach 28 Jahren immer noch nicht unter Kontrolle und meine Augen sprechen für mich, ob ich es will oder nicht.

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