Generation Y

Generation beziehungsunfähig: wir doch nicht!

Wer auch immer von euch (und mit „euch“ meine ich alle Mütter/Omas/Tanta Magdas/Onkel Helmuts/insert weitere Namen hier) behauptet hat, dass WIR, Generation Y, die „Generation Beziehungsunfähig“ sind…habt Ihr euch mal richtig umgeschaut?

Ich fange mal von vorne an. Seit mittlerweile 5 Jahren praktiziere ich das „Singleing and Mingleing“ relativ erfolgreich. Relativ, weil es mehr singleing als mingleing ist, aber darum es geht nicht. Kurzer Hermine Granger-Moment für all diejenigen, die den Begriff „Mingle“ noch nie gehört haben (shoutout an alle die sich beim Lesen der 1. Zeile angesprochen gefühlt haben – Hallo Mama!):

Bei dem Begriff Mingle handelt es sich um eine Wortkreation aus den englischen Begriffen „mixed“ und „Single“ und bedeutet, dass man „offiziell“ Single ist, aber gleichzeitig temporär einen beziehungsähnlichen Zustand hat. Alternativ wird auch der Begriff „Freunde mit gewissen Vorzügen“ als Synonym verwendet.

Oder unter uns Generation angeblich Beziehungsunfähigen auch Freundschaft+ genannt.

Wie schon erwähnt, bin ich seit 5 Jahren also Single. Und anscheinend glaubt meine Oma, dass ich unter Gedächtnisverlust leide, denn sie erinnert mich immer daran, wenn es mal wieder Zeit für ein Familientreffen im Niemandsland ist (weil Acker + Acker + Wald + Acker für jemanden, der in Köln lebt, tatsächlich Niemandsland ist).

Als gehöre diese Fragestellung schon zu einer gesellschaftlich anerkannten Begrüßung, werde ich wie folgt begrüßt, sobald ich aus dem Auto aussteige: Hallo! Na, seid Ihr schon da? Seid Ihr gut durchgekommen? Und, was macht die Liebe? Wann werden wir endlich deine bessere Hälfte kennen lernen?

Okay, ich übertreibe. Aber nicht ohne Grund fangen meine Eltern schon ca. 50 km vor der eigentlichen Ankunft an, auf mich einzureden und mich daran zu erinnern das sie sich ein „friedliches Wochenende“ wünschen und ich möglichst versuchen sollte mich zu benehmen nicht komplett auszurasten. Was meine Eltern nicht wissen (bzw. gekonnt ignorieren) ist, dass ich mein Orangen-Erdbeeren-Iced-Smoothie (bestehend aus ca. 90 % Wein) schon kurz nachdem wir Köln-Mülheim hinter uns gelassen haben, leer getrunken habe und in meinem Kopf eine 30-seitige Powerpoint Präsentation zum Thema „Single-Shaming“ darauf wartet, das Licht der Welt zu erblicken.  

Dem Wein sei Dank, schaffe ich es halbwegs fröhlich aus dem Auto auszusteigen während ich meiner Oma beibringe, dass die Frage, ob wir schon da wären sich erübrigt. Denn ja, offensichtlich sind wir da. Sonst wären wir nicht da. Macht Sinn, oder? 

Nach der üblichen never ending Diskussion zwischen meinem Bruder und mir bezüglich der Schlafzimmer-Besetzung im Hause Oma & Opa, heißt es: Abendessen mit der gesamten Familie. Ah, der Moment auf den wir alle gewartet haben! Der Wein fließt, die Bratwurst bruzelt, jemand lacht. Alle sind in bester Stimmung. Doch dann macht die gute Frau den Fehler und stellt DIE FRAGE. Plötzliche Stille. Meine Eltern schauen mich an, dann sich, dann blicken Sie auf Ihre Teller und seufzen. Mein Bruder grinst und lehnt sich entspannt auf seinem Stuhl zurück, wissend was jetzt kommt. Mein Opa beschäftigt sich weiterhin mit seinem Essen und tut so als wäre nichts passiert (ganz klare Prioritäten!). In der Ferne hört man, wie eine einsame Grille die Augen verdreht und sich mit der Hand ins Gesicht klatscht.

Ja, ich übertreibe wieder. Aber genauso wie Kevin allein zu Haus jedes Jahr am 24. Dezember Programm ist, so auch der Wille meiner Oma herauszufinden, wieso ich noch Single bin. Oder warum es mit „dem Letzten“ nicht geklappt hat. Warum ich beziehungsunfähig bin.

Wieso es mit „dem Letzten“ nicht geklappt hat, enthalte ich ihr und den Rest der Familie lieber vor, sonst wird Hexenverbrennung wieder ein Thema. Wieso ich noch Single bin, kann ich nicht sagen, meine Kristallkugel habe ich über die Ferien in Hogwarts gelassen. Aber wieso in aller Welt hält sie mich für beziehungsunfähig? Schließlich behauptet Sie immer, ich solle weniger Zeit damit verbringen, mit meinen Freundinnen die unsicheren Straßen Kölns noch unsicherer zu machen.

Freundschaften sind auch Beziehungen!

Sind meine Freundschaften keine Beziehungen? Sind freundschaftliche Beziehungen keine Liebes-Beziehungen? Meine beste Freundin hat meine Kotze vom Tisch in der Bar meines ehemaligen Arbeitgebers weggewischt, nachdem wir uns auf der Kölner-Weinwoche eine (oder fünf) Flaschen zu viel gegönnt haben. Mit der anderen Freundin habe ich rumgeknutscht, damit uns irgendwelche Typen auf Malle nicht hinterherrennen.  Meine Freundinnen und ich gehen gemeinsam auf Toilette, geben uns Tampons als wären es Lippenstifte und lesen Korrektur bevor irgendwelche Nachrichten an neue Crushs verschickt werden. Mein bester Freund durfte sogar schon beurteilen ob mein Waxing für ein Date angemessen war. Na, wenn das keine Liebe ist, dann weiß ich auch nicht. 

Viel zu selten werden wir nach unseren Freundschaften gefragt. Als Gegenzug, werden wir viel zu oft daran erinnert, dass ein Leben ohne PartnerIn angeblich kein vollständiges Leben sei. Dabei sollten uns Beziehungen (egal welcher Art), meiner Meinung nach, lediglich ergänzen und nicht vervollständigen. Viel zu häufig werden wir, Generation Y, als kalt, gefühlslos und unfähig auf zwischenmenschliche Beziehung einzugehen, bezeichnet. Dabei wird uns mindestens genauso häufig gesagt, wir sollten endlich mal „Fuß fassen“. Oder uns auf die Arbeit konzentrieren und weniger feiern.

Dass die Meisten von uns zwischenmenschliche Beziehungen mit verschiedenen Freundeskreisen aus der Arbeit, Sport und der Selbsthilfe-Gruppe jonglieren wird ganz dezent ignoriert. Die Tatsache das wir, dank des letzten Kurztrips oder die lange Backpacking-Reise, Freunde rund um den Globus verteilt haben und dank Internet sogar Fernbeziehungen führen können, scheint niemanden zu interessieren. Dass wir Multitasking beherrschen und mehr als eine „Bow Chicka Wow Wow“-Beziehung zeitgleich-weil-nicht-gleichzeitig führen, wird nicht anerkannt. Generation Beziehungsunfähig? Wir doch nicht!

Also…singled und mingled. Oder auch nicht.

Fakt ist, wir sind nicht „Generation Beziehungsunfähig. Wir leben Beziehungen nur anders. Nicht besser, nicht schlechter, nur anders. Egal wie wir sie führen und wie wir es machen, es wird eh falsch sein.

Aus diesem Grund, egal ob eure Mütter/Omas/Tanta Magdas/Onkel Helmuts/insert weitere Namen hier es für richtig halten oder nicht, singled und mingled wenn Ihr wollt, so lange ihr wollt. Oder lasst es. Ihr müsst euch nicht rechtfertigen. Schließlich ist es euer Leben.

Das nächste Mal, also, wenn euch jemand Fragt wieso Ihr in eurem Alter noch nicht verliebt-verlobt-verheiratet und/oder -verelternt seid, sagt Ihr einfach: weil ich zur Generation Y gehöre. Nicht Generation Beziehungsunfähig, sondern die Generation die beziehungsfähig ist. Es aber nicht sein muss.  

Und für alle neugierigen unter euch: die Story zu meinem „Letzten“ und wieso es mit ihm nicht geklappt hat, erzähle ich euch ein anderes Mal 😉

Über den Autor

Die Welt ist meine Heimat, der Ozean meine Energiequelle und Salzwasser meine Blutgruppe. Mein Gesicht ist ein offenes Buch, meine Emotionen habe ich nach 28 Jahren immer noch nicht unter Kontrolle und meine Augen sprechen für mich, ob ich es will oder nicht.

(2) Kommentare

  1. Super witziger Artikel, musste sehr schmunzeln. Aber hey… selbst wenn du in einer Beziehung bist bekommst du nervige Fragen, wo du nur den Kopf schütteln musst. Ich bin fast 20 und bekomme seit Jahren von der Oma meines Freundes die ernst gemeinte Frage, wann denn das erste Enkelkind kommt 😀
    Lg Luisa von http://zungenspitzengefuehl.com/

    1. Hallo Luisa,
      es freut uns, dass Dir unser Artikel gefallen hat! Ja, egal in welcher Situation wir uns befinden, unsere Omas und Tante Magdas werden immer ihren Senf dazugeben wollen. So wird es nie langweilig 😉
      LG
      Das RWN-Team

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