Er wird's nicht Küsse & Tränen

Christopher, der Scheinheilige (Teil 1)

Christopher

Eigentlich war diese Story für wann anders geplant…bis gestern Abend eine „Können wir nochmal reden?“-Nachricht das Display meines Handys aufleuchten ließ und ich mich fast an meinem Wein verschluckte. Ich möchte das „nochmal“ der Nachricht betonen. Denn geredet haben wir schon genug. Und 3x dürft Ihr raten, wie viel das gebracht hat. Richtig. Nichts. Nada. Niente. Aber ich fange mal von vorne an und dafür brauchen wir, wie es sich für eine gute Geschichte gehört, einen Hauptdarsteller. Ladies and Gentleman, ich präsentiere: Christopher, der Scheinheilige.

Ihr kennt sie bestimmt: diese Menschen, die mit Ihrer Scheinheiligkeit andere so dermaßen blenden, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht.

Christopher war („ist“ würde eine ehemalige Arbeitskollegin jetzt sagen, denn „er lebt noch“) so eine Person. Christophers Scheinheiligkeit hat mich wie ein industrieller Flutlichtstrahler geblendet. Und das für mehrere Monate. 

Christopher, der (Schein)Heilige

22. Januar 2019. Neujahrsempfang in meiner Firma. Die erste große Veranstaltung des Jahres und natürlich musste ich dabei sein. Die Begründung kenne ich bis heute nicht, denn mehr als anwesend sein und nett lächeln habe ich wirklich nicht gemacht. So blieb reichlich Zeit, alle Gäste und Mitarbeiter genau unter die Lupe zu nehmen. Zusätzlich zu unserem festen Personal, hatte uns der Veranstalter die eigenen Mitarbeiter als Unterstützung zur Verfügung gestellt. Und was für Mitarbeiter! Achtung, Klischee-Beschreibung folgt. Hübsche, große, gut gebaute, in blauen Anzügen verpackte Männer, deren einzige Aufgabe war: die Garderobe bewachen. I know. Jacken haben sich noch nie sicherer gefüllt ;).

Durch die Langweile angetrieben, war mein Gehirn der Meinung, dass ein Walk of Fame in der Nähe der Garderobe durchaus angebracht wäre.

  • Strategie: very casual an der Garderobe vorbei spazieren, damit die Jungs mich beobachten, so dass ich sie beobachten kann. 
  • Ziel: die mit Testosteron gefüllten Garderobenjungs genauer unter die Lupe zu nehmen. 

Nach genau 6 Walk of Fames konnte ich folgende Ergebnisse zu meiner Inspektion erläutern: 

  • Ergebnis 1: Ich habe mich teilweise wie eine, von der Herde verlassene, junge Gazelle gefühlt, die gleich von Jungtigern gefressen wird. Offensichtlich hatten diese Jungs lange kein weibliches Wesen zu Gesicht bekommen. 
  • Ergebnis 2: Christopher entdeckt, durchgescannt (wie an der Sicherheitskontrolle im Flughafen), und zufrieden mit dem was ich sah, beschlossen, dass er jetzt meine Gazelle ist und ich der Tiger. 
  • Ergebnis 3: ich liebe hübsche Männer in Anzügen. Noch mehr liebe ich aber hübsche Männer in Anzügen und – na, ratet mal – NAMENSSCHILDER!!! (Ladies, Ihr wisst warum dieses Detail so wichtig ist!)

Aufgrund der Tatsache, dass ich am arbeiten und in dem Moment eigentlich seine Vorgesetzte war, konnte ich nicht alle meine Waffen einsetzen, um mir meine Beute zu schnappen. Mit „alle meine Waffen“ meine ich: hingehen und ihn einfach auf irgendwelche Banalitäten ansprechen. Also musste ein nicht-aggressiver, aber glaubwürdiger Plan her, um ihn aus dem Rudel zu locken und ihn für ein paar Minuten für mich haben. Als mein Gehirn und ich bereit waren unsere Mission Impossible umzusetzen, sagte mir mein Chef ich dürfte Feierabend machen und nach Hause gehen. 

Auf dem Weg von meinem Büro bis zum Hauptgang musste ich – was für ein Zufall – nochmal an der Garderobe vorbei. Meine innere Adriana Lima erwachte aus Ihrem Winterschlaf, während ich aus dem Flur ein Victoria Secret Catwalk machte. Fun Sidefact: Statt riesige Flügel und glitzernde Unterwäsche hatte ich ca. 3 Taschen an mir hängen, ein paar Sneaker in der Hand und war in meine dicke Winterjacke eingepackt. Sexyness Overload.

Kurz bevor ich durch die Tür war, blickte ich nochmal zurück. Christophers Blick traf sich mit meinem, wir grinsten uns kurz an, und ich ging. HA! Er war interessiert. 

Einmal zuhause, schnappte ich mir mein Laptop, öffnete Facebook – das Telefonbuch der Millennials – und bedankte mich bei der Person, die für die Erfindung von Namensschildern zuständig war. Ich brauchte ca. 5 Minuten und schon hatte ich sein Profil gefunden, gescannt (wir sind nochmal am Flughafen), den Namen seiner Mutter herausgefunden und seine Daten zur weiteren Inspektion an meine Freundinnen weitergeleitet. Letzteres habe ich SELBSTVERSTÄNDLICH nicht gemacht. Indianer-Ehrenwort.

Am nächsten Tag – you don’t wanna look desesperate – schrieb ich ihm eine Nachricht auf Facebook-Messenger und wartete. 

„Christopher hat dir eine Nachricht geschrieben“

Christopher? Who the fuck ist Christopher? Ich musste erstmal in die Neverland-Schublade reinschauen, um herauszufinden wer diese verlorene Seele war, die mir schrieb. Christopher…Christopher…Holy Shit…Christopher. Jetzt wusste ich es wieder. Garderoben-Boy. Ganze 9 Monate waren vergangen seit dem Neujahrsempfang. Da hatte sich jemand aber Zeit gelassen mit der Antwort. Schon fast so, als wäre er im militärischen Einsatz im Vietnam gewesen. Ohne Handy. Aber wer schaut schon aktiv nach Nachricht-Anfragen auf Facebook nach. Na gut, wir geben Ihm eine Chance. 

Christopher hatte anfangs nicht die leiseste Ahnung, wer ich war. Erst als ich über meine unzähligen Walk of Fames und seine Tätigkeit als Garderoben-Security berichtete, wusste er, wer ihn gestalkt hatte. Schnell wurde aus unserem Gespräch ein sehr flüssiger Informations-Austausch. Arbeit, Herkunft, Hobbys, Serien, Lieblingsessen, Urlaubsziele. Wir waren uns einig bei so ziemlich allem. Außer beim Sport aber who cares about that?. So wurde aus einer Freitag-Abend-Konversation eine tägliche hin- und her Schreiberei.

Und aus der täglichen hin- und her Schreiberei, ergab sich ein erstes Treffen an einem sonnigen September-Sonntag.  Als ich aus der Bahn in Deutz ausstieg, sah ich ihn sofort: die große, gut gebaute, diesmal nicht im blauen Anzug verpackte Gazelle. Das war der Moment, in dem seine Scheinheiligkeit mich blendete, ohne dass ich davon irgendwas mitbekam. Ich war sofort benebelt.

Wir spazierten 2,5 Stunden bei Sonne und Kölsch, unterhielten uns pausenlos über Gott und die Welt, sprachen über unsere jeweiligen Zukunftspläne und tauschten Anekdoten über Urlaube, ausgeartete Partynächte und sonstige Banalitäten aus. Alles in einem, ein sehr entspanntes, aber doch nettes erstes Date. Voller Begeisterung berichtete ich die Geschehnisse in meinem Freundeskreis. 

Der Schein flackert

Nach einem Job-bedingten längeren Auslands-Aufenthalt in Spanien, fing Christophers Scheinheiligkeit an zu flackern. Während seiner gesamten Reise hatte ich gemischte Gefühle: einerseits verstanden wir uns sehr gut und fanden immer mehr Gemeinsamkeiten, andererseits waren seine Signale sehr undeutlich. Mal schickte er mir Videos vom Meer und schrieb „weil ich weiß wie sehr du das Meer liebst“ dazu, mal waren es nur sehr billige Flirty-Flirty-Kommentare. 

Dennoch, trotz des Flackerns, war ich immer mehr von seinem Schein geblendet. Es hatte mich richtig erwischt und die Fähigkeit logisch zu denken, hatte mich verlassen. Mich, aber nicht meine Freundinnen, die immer wieder auf mich einredeten, der Typ meine es nicht Ernst. Aber wer hört schon auf sowas. 

Eines Abends kurz nach seiner Rückkehr, schlug er vor bei mir vorbeizuschauen. Einfach nur zum quatschen. Er wäre angeblich zum Fußball schauen bei einem Kumpel und könnte nach dem Spiel zu mir fahren. Blind wie ich war, ignorierte ich die Fakten und sagte zu. Die Fakten:

  • Es war ein Mittwoch-Abend, bedeutete, dass sowohl er als auch ich am nächsten Morgen zur Arbeit mussten. 
  • Das Spiel würde frühestens um 22:30 Uhr erst beendet sein
  •  Welcher Mann, trifft sich um diese Uhrzeit mit einer Frau in geschlossenen vier Wände um zu quatschen? Genau. Keiner. 

Ich nutze die noch freie Zeit, um meine Wohnung ein wenig aufzuräumen. But not too much, es sollte ja nicht danach aussehen, als hätte ich wie eine Bekloppte den Besen geschwungen. Entsprechend war auch mein Look: lässige Jogginghose, enger Pulli, Haare nach oben geschwungen – eine halbe Stunde und 30 Versuche später hatte ich einen Casual-Dutt zustande gebracht -, kein Make-up.

Je näher die Uhr an 22:30 Uhr rückte, desto deutlicher sagte mir mein Bauchgefühl, dass er absagen würde. Als er sich tatsächlich um kurz nach halb elf mit der „es ist schon spät“-Ausrede meldete, freute ich mich, dass wenigstens mein Bauchgefühl sich noch im Griff hatte. 

Gefasst antwortete ich auf seine Nachricht: „Kein Thema, ich habe mir schon gedacht das Du nicht kommst“. 

Er meldete sich sofort zurück, fragte mich wieso ich davon ausgegangen wäre und fügte hinzu, dass er dann doch kurz vorbeischauen würde. Meine anfängliche Begeisterung hielt sich mittlerweile in Grenzen, aber dennoch sagte ich wieder zu. 20 Minuten später stand er vor meiner Haustür, und was soll ich sagen…ich war wieder total geflasht. Wir setzten uns auf meiner Couch und quatschten. Wie von ihm angekündigt. An dieser Stelle möchte ich kurz erwähnen, dass ich mindestens genauso enttäuscht wie Ihr sicherlich sein werdet, wenn ich sage, dass abgesehen von quatschen wirklich nichts passierte.  

Die Glühbirne ist kaputt

Anfang Dezember fingen meine Augen langsam an, sich an die Helligkeit seines Scheins zu gewöhnen. Und dafür war allein Er zuständig. Nach der mittlerweile 3. kurzfristigen Absage seinerseits, hatte ich von seinen Ausreden genug. Ich sagte lediglich: „wir können das jetzt auch sein lassen, ich habe keine Lust mehr auf deine Spielchen“. Wie ein verängstigter Hund, entschuldigte er sich mehrmals bei mir und bat um eine letzte Chance:

„Würdest Du mir noch einen Versuch geben?“

„Ich bin keine Pizza die Du bestellen kannst, nur weil Du Heißhunger hast.“

„Das hat weniger mit diesem Heißhunger zu tun als damit, dass mir der Austausch mit Dir fehlt und mir unser letztes Treffen Lust auf mehr gemacht hat. Die Absage letztens hatte sehr viel mit mir zu tun und wenig mit Dir und ich mir eingebildet habe wie ein krasses Negativ-Beispiel aus meinem Freundeskreis zu sein. Und es war nur auch nie auch nur im Ansatz meine Intention dich so respektlos zu behandeln.“

„Ich verstehe zwar nicht mal ansatzweise, was Du mir genau sagen möchtest und was genau deine Intention war bzw. mit welchem Hintergrund Du abgesagt hast. Aber ich hatte schon mal erwähnt, dass ich keine Lust/Zeit für Spielchen habe.“

„Ich will Dir sagen, dass es mehr oder weniger eine Kurschlussreaktion war Dir abzusagen. Ich bin mur über einiges klar geworden und Spielchen will ich mit Dir nicht spielen. Aber wiedersehen würde ich Dich gerne.“

„Das hättest Du dir vorher überlegen sollen. Ich kam mir echt verarscht vor, und das wird kein 2. Mal passieren. „

„Wird es auch nicht, versprochen! Ich habe hier noch was aus Spanien und das würde ich Dir gerne noch geben. Es tut mir wirklich leid, ich verstehe dich voll und ganz, vor allem wie Du dich gefühlt haben musst. Ich habe befürchtet, dass Du so reagierst, weil Du eine starke Persönlichkeit hast und dir das nicht gefallen lässt. Trotzdem bitte ich dich ein letztes Mal uns nochmal wiederzusehen. Der eine kurze Abend mit Dir, war mir wirklich zu wenig Zeit, die wir zusammen hatten. Da will ich mehr. „

Im Großen und Ganzen, wie Ihr seht, ganz viel Blablabla. Ich fügte dem nichts weiter hinzu, denn es machte in meinen Augen keinen Sinn. Und offensichtlich war es ihm dann doch nicht so wichtig, denn auch er ließ das Thema ruhen und meldete sich nicht weiter bei mir. 

Das Thema Christopher beschäftigte mich Wochen später immer noch. Ich kann nicht mit Etwas abschließen, wenn ich keine vernünftige Erklärung dafür habe. So zerbrach ich mir den Kopf – mal alleine, mal mit meinen Freundinnen – was zur Hölle sein Problem war. Fazit: ein Fall für Galileo Mystery.  Christopher wurde also wieder in die Neverland-Schublade gepackt. Bis vor 2 Monaten.

Hier geht’s zu Teil 2 dieser unfassbar unspektakulären Story.

Über den Autor

Die Welt ist meine Heimat, der Ozean meine Energiequelle und Salzwasser meine Blutgruppe. Mein Gesicht ist ein offenes Buch, meine Emotionen habe ich nach 28 Jahren immer noch nicht unter Kontrolle und meine Augen sprechen für mich, ob ich es will oder nicht.

(2) Kommentare

  1. sagt:

    Ach ich kenne solche Kerle. Jede Menge meiner Kumpels sind so. Das ist einfach nur affig und ich steig auch nicht ganz dahinter was das soll. Bei vielen hab ich das Gefühl das liegt am fehlenden Selbstbewusstsein. Die freuen sich das wenn die das so durchziehen können und die Frau mit macht. Da ziehen die irgendwas für sich raus. Aber es gibt auch noch Leute die es ernst meinen.
    Liebe Grüße!

  2. Lieber Maxi,
    danke für deinen Kommentar! Es ist sehr erfrischend mal eine männliche Meinung zu dem Thema zu hören bzw. lesen!
    Ich muss gestehen ich blicke da auch nicht ganz durch, aber wie Du schon sagst, es gibt ja noch Menschen die es ernst meinen und auf die kommt es an 🙂

    Liebe Grüße
    Das RWN-Team

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