Küsse & Tränen

Christopher: Der Schein täuscht (Teil 2)

Christopher der Schein täuscht

„Ich kann mit Situationen nicht abschließen, wenn ich keine vernünftige Erklärung dafür habe.“ Mit dieser Erkenntnis beendete ich Teil 1 dieser unfassbar unspektakulären Geschichte. Christopher verschwand wieder in der Neverland-Schublade, nachdem er mich bis zur Fast-Erblindung mit seinem Schein geblendet hatte. Aber genau wie Unkraut, kam auch Chris – mit mehr Schein als Sein – zurück ins Land der möchtegern-Heiligen. 

Die Glühbirne wurde getauscht

Köln, 2. März 2020. Der erste Montag nach Karneval. Nach 2 Wochen des jläser huh halten, Geschunkele und absoluten Schlafmangels, schlürfte ich an meinem Kaffee und starrte auf meine Bildschirme. Körperlich war ich im Büro, seelisch ganz woanders. Dass ich absolut nichts zu tun hatte, half meiner Produktivität ganz und gar nicht. Eine Nachricht auf dem Display meines Handys zog mich aus meinem Halbschlaf. „Hast Du Isi & Osi geguckt?“ Wow. Das kann nicht sein Ernst sein. Vier Monate lang hatte dieser Mensch sich totgestellt, um seine Wunden zu lecken nach meiner letzten Nachricht. Und jetzt meldet er sich mit dieser Banalität bei mir? Der hat Eier. Oder ist einfach nur lebensmüde. 20 Minuten und 5 Anläufe später, antwortete ich lediglich: „Nein, steht aber auf meiner Watchlist“.

Es war nur eine Banalität, aber es reichte völlig, um mein Gehirn wieder durcheinander zu bringen. Einerseits war ich total irritiert, andererseits war ich neugierig. Irritiert, weil er mir mehrmals bewiesen hatte, dass er ein Arschl*** ist. Neugierig, weil ich gespannt auf seine neue Ausrede war. Ich weiß, mir ist nicht mehr zu helfen. 

Die Tage vergingen und wir hörten nicht mehr voneinander. Ich fuhr in den Urlaub, kam wieder, lebte mein Leben. Und dann kamen Corona und der dazugehörige Lock-Down.  Da wir, das Team von Romantischer wird’s nicht, sehr verantwortungsbewusste deutsche Bürgerinnen sind, beschlossen wir uns vorerst einzusperren. Also jeder bei sich zuhause versteht sich. 

Nachdem ich mehrere Tage lang den Putzlappen geschwungen hatte, alle meine Unterlagen sortiert, ein Grundstück im Bermuda-Dreieck gekauft und mein Bootsführerschein gemacht hatte (nein, ich habe kein Boot), packte mich dann doch die Langeweile. Zufälligerweise bot mir Netflix „Isi & Osi“ an, also gab ich dem Film eine Chance. Christopher mochte vieles sein, aber sein Filme- und Serien-Geschmack stimmte dennoch mit dem meinem überein. Außerdem gab es keine weiteren Blockbuster auf meiner Liste. Als der Film vorbei war – und auch nur weil ich gerne mit Feuer spiele – schrieb ich Chris eine Nachricht. „Okay, kaufe ich Dir ab! Ist sehr geil!“. Binnen weniger Stunden antwortete er und die die Schreiberei zwischen uns ging, wie gewohnt, wieder los. Als wäre nichts gewesen. Als hätte er mich nicht 3-mal sitzen lassen. Als hätte ich ihn nicht dahin geschickt wo der Pfeffer wächst. 

Die Helligkeit lässt nach

3 Tage. 3 ganze Tage schaffte ich es, meine Neugierde zu zügeln. Irgendwann war der Austausch an Banalitäten und Serien-Empfehlungen aber ausgelutscht. So nutzte ich meine Chance und fragte einfach was er zur Hölle von mir wollte. Und zwar genau so. 

“Okay I’m gonna cut to the chase. Wir haben jetzt über Serien, das Wetter, Urlaube, Corona, und die Welt gesprochen. Ich würde aber gerne mal wissen was genau Du vorhast. Ich verstehe, dass Du kein oder nicht genug Interesse an mir hattest und das ist auch okay. Ich habe keinen Groll dir gegenüber oder ähnliches deswegen, entsprechend habe ich auch kein Problem mit Dir zu schreiben. Ich verstehe nur nicht wieso.“

„Ich hab‘ nichts vor. Ich schreibe gerne mit dir und finde es angenehm viele gleiche Interessen mit dir zu haben. Manchmal ärgere ich mich, dich nicht geküsst zu haben und kein lockeres sexuelles Verhältnis mit dir angestrebt zu haben. Ich hatte/habe schon Interesse an dir, aber glaube, dass es nicht funktionieren würde mit uns. Trotzdem mag ich dich sehr wie gesagt und habe es schön gefunden, dass wir wieder was mehr Kontakt haben.“

Ich werde nicht lügen, seine Nachricht bremste meine Neugierde nicht. Ganz im Gegenteil. Er fütterte das Monster in mir. Jetzt wollte ich es erst recht wissen. Was meinte er mit „es würde nicht funktionieren“? Wieso nicht? Und woher wusste er das? Er hatte „uns“ noch nicht mal eine Chance gegeben! Also gut. Dann füttern wir das Monster. Ich fragte und er antwortete. Je mehr er schrieb, desto klarer wurde es: der Typ labert nur scheiße. 

Er begründete seine Feststellung, dass es zwischen uns nicht funktionieren würde, mit Aussagen wie:

[…] Ich gerne jemanden an meiner Seite hätte, der in seiner Lebensplanung Ähnlichkeiten mit meiner hat. Du bist da noch sehr offen und ich will nicht der Grund irgendwann sein, dich unglücklich gemacht zu haben[…]

[…] hätte dir das offen sagen sollen, dass ich keine Beziehung will aber gerne die Freundschaft+ […]

[…] Ich bin durch meinen Beruf in Deutschland gebunden. Ein paar mal Urlaub liebend gerne aber auswandern oder so ist kein Thema für mich. […]

[…] Ich fand dich extrem heiß, aber irgendwie war da was im Kopf was Nein meinte. […]

Nochmal zur Erinnerung. Wir hatten uns lediglich einmal richtig getroffen, für ca. 2 Std. In dieser Zeit unterhielten wir uns über die üblichen Klischee-Themen: Job, Hobbies, Urlaubspläne, Zukunftspläne. Innerhalb dieser 2 Std. hat er also meine Worte so gedreht, wie es ihm gepasst hat, herausgehört was er hören wollte und mich in die Nicht-Beziehungs-Kiste gepackt. Ins Aus geschossen hat mich wohl die Tatsache, dass ich keinen 12-Jahres-Vertrag bei meinem Arbeitgeber habe, gerne in den Urlaub fliege und es nicht ausschließe auszuwandern, wenn ich das Bedürfnis danach haben sollte. Ich betone: nicht ausschließe auszuwandern. Im Umkehrschluss bedeutet es, dass in Deutschland bleiben ebenso eine Option wäre.

An Christopher: die Definition von etwas ausschließen steht im Duden!

Mit Lichtschutzfaktor +50 bewaffnet

Für eine Freundschaft+ reichte ich. 

Nun gut, ich war in seinen Augen also nicht Beziehungsfähig, aber für eine Freundschaft+ reichte ich.  Da ich Christopher mittlerweile genauso in die Er-wird’s-nicht-Schublade verstaut hatte wie er mich, konnten wir das Thema Mingleing angehen. Mit Sonnenbrille, Schirm und Lichtschutzfaktor bewaffnet, fühlte ich mich bereit, seinen Schein ausblenden zu können. Also fragte ich ob er sich auf eine Freundschaft+ einigen wollte. Seine Antwort dazu war mindestens genauso großer Bullshit, wie der Rest seines Gelabers. Der Gute wollte eine Nacht drüber schlafen. Gütig wie ich bin, fügte ich nichts mehr hinzu und ließ ihn ein wenig Pillow-Talk betreiben. 

Offensichtlich war er mit meiner Anfrage überfordert, denn aus einer „eine Nacht drüber schlafen“ wurde eine ganze Woche. In einer Woche bin ich mit dem Boot – was ich nicht besitze – zu meinem Grundstück auf den „Bermudas“ gesegelt, habe da eine Villa gebaut und schaffte es noch rechtzeitig zurück für das FC-Spiel am Sonntag. Am 7. Tag meldete sich mein scheinheiliger Freund mit folgendem Satz: 

„Wäre eine Affäre auch okay für dich? Und ja ich habe lange nachgedacht.“ 

Ich lachte. Die Freundinnen, die vom Gespräch ein Screenshot bekamen, lachten. Der Mond und die Sterne lachten. Meine linke Kniescheibe lachte. Vor lauter Lachen, konnte ich gar nicht Antworten. 

Fakt ist aber, dass ich bereits vor seiner Antwort ahnte, dass irgendwas faul war. Der Typ hatte von Freundschaft+ gelabert, gesagt das er mich heiß findet und mich gerne geküsst hätte, braucht aber eine Woche Bedenkzeit für ein bisschen Minglen? Da war definitiv etwas faul. Und jetzt wusste ich auch was faul war. Er hatte eine Freundin. Mich fragen, ob eine Affäre auch okay wäre, war seine Art mir mitzuteilen das er vergeben war. Die viel wichtigere Frage war für mich aber, seit wann er vergeben war. Ist diese Beziehung innerhalb der letzten 4 Monate entstanden? In diesem Zeitraum pendelte er aber zwischen Stuttgart und Köln aufgrund eines Lehrgangs seiner Firma. Das war also eher unwahrscheinlich. Also muss es schon etwas länger laufen. Das würde bedeuten, dass er schon eine Freundin hatte, als wir anfingen miteinander zu schreiben. Da ich mir sicher sein wollte, zwang ich ihn mir diese Information schriftlich mitzuteilen:

„Ich brauche eine klare Ansage von Dir, was der Unterschied zwischen Freundschaft+ und Affäre ist.“

„Ich habe eine Freundin. Deswegen Affäre. Freundschaft+ ist ohne Beziehung nebenher, dachte ich.“

Christopher, der Scheinheilige.

In dem Moment war für mich klar: Er wird’s definitiv nicht. Auch nicht zum Minglen. Also schrieb ich lediglich: „Ciao👋🏻“. Innerlich schloss ich in diesem Moment mit Christopher ab. Sein Schein war ausgegangen. Ich löschte seine Nummer und legte die Christopher-Sonnenbrille weg. Ich verstaute alle Gedanken zu seiner Person in die Neverland-Schublade und machte sie zu. Und hatte nicht vor sie jemals wieder aufzumachen. Bis gestern Abend eine „Können wir nochmal reden?“-Nachricht das Display meines Handys aufleuchten ließ und ich mich fast an meinem Wein verschluckte.

„Gestern Abend“ ist mittlerweile eine Woche her. Aber das ist irrelevant. Relevant ist meine Antwort gewesen: „Nein, können wir nicht.“

Nein, wir können nicht reden, weil Du ein verlogenes Stück Scheiße bist. Weil ich genug von deinem Gerede habe. Weil ich herausgefunden habe, dass Du seit 2 Jahren in eine Beziehung steckst. Weil dein „ich habe wesentlich häufiger Lust auf Sex als meine Freundin“ oder „ich habe Lust auf aktionsreicheren Sex“ einfach nur lächerlich ist.

Wir können nicht reden, weil Du es nicht Wert bist. 

Wie schon mehrmals erwähnt ist diese Geschichte unfassbar unspektakulär. Es gab kein Mingleing, keine Bettgeschichten, nichts. Aber diese Geschichte zeigt uns, dass wir die rosa rote Brille mit UV-und Blendschutz ausstatten sollten.

Ich habe aus der Geschichte mit Christopher gelernt, dass der Schein einer Person sehr täuschen kann. Ich war geblendet von ihm, von seiner Person, seiner Stimme, sein Aussehen. Das Schöne ist, unsere Augen besitzen die Fähigkeit, sich der Helligkeit der Umgebung anzupassen. Und so konnte ich irgendwann direkt durch ihn hindurchsehen. Ich sah das war er wirklich war. Ein Scheinheiliger. 

Über den Autor

Die Welt ist meine Heimat, der Ozean meine Energiequelle und Salzwasser meine Blutgruppe. Mein Gesicht ist ein offenes Buch, meine Emotionen habe ich nach 28 Jahren immer noch nicht unter Kontrolle und meine Augen sprechen für mich, ob ich es will oder nicht.

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