Gedanken Laut Gedacht

Brief an meinen Vater

Vater

Wie schreibt man einen Brief, wenn man gar nicht weiß, was man überhaupt sagen möchte? Habt Ihr euch das mal gefragt? Ich schon. Jedes Mal, wenn ich überlege, ihm zu schreiben, denke ich über all die Dinge nach, die ich sagen will. Gleichzeitig erinnere ich mich daran, dass ich eigentlich nicht die leiseste Ahnung habe, was ich zu sagen habe. 

An all diejenigen, die sich gerade fragen, über wen ich spreche (glaubt mir, ich bin genauso überrascht, wie Ihr es sein werdet): ich spreche über meinen Vater. Yes, ladies and gentleman. Ihr habt es richtig gelesen. Mein Vater. Diese in meinem Kopf präsente und doch so ominöse Kreatur, welcher ich zu 50% meine Existenz zu verdanken habe (nicht, dass ich nicht dankbar wäre). 

Urvertrauen vs. Urmisstrauen

Aber, lasst uns mal von vorne anfangen, sonst ist es sehr confusio: Gestern Abend unterhielten Tanja und ich uns mal wieder über Männer. Genauer gesagt über unser Talent, uns Männer zu Angeln die emotional nicht verfügbar sind. Wir fragten uns, wieso das so ist. Laut Dr. Google leiden wir unter chronischer Bindungsangst. Und auch wenn Dr. Google oftmals daneben liegt, hatte ich diese Antwort bereits in einem Buch – Das Kind in dir muss Heimat finden von Stefanie Stahl – gelesen. Und die Begründung weshalb wir Bindungsangst haben, findet man (in unserem Fall) in der Gestalt unserer Väter. 

„WIE MAMA UND PAPA MIT UNS UMGEHEN, IST WIE EINE ART BLAUPAUSE FÜR ALLE BEZIEHUNGEN UNSERES LEBENS“

Das Kind in dir muss Heimat finden – Stefanie Stahl

Stefanie Stahl schreibt am Anfang Ihres Buches über das sogenannte Urvertrauen. Kinder haben keine andere Wahl, als ihren Eltern zu vertrauen, wenn sie auf die Welt kommen. Und sie vertrauen ihnen, bedingungslos (wieso um alles in der Welt sollten sie es nicht tun?). Das ist das so genannte Urvertrauen. Diese Art von Vertrauen entwickelt sich in den ersten Lebensjahren und prägt sich ganz tief in das Körpergedächtnis ein.

Aber was passiert, wenn ein Elternteil dieses bedingungslose Vertrauen so weit bricht, dass es keine Rückkehr mehr gibt und man nie wieder in der Lage ist, jemandem zu 100% zu vertrauen? In diesem Fall entwickeln wir ein Urmisstrauen. Das Gegenteil von Urvertrauen. 

Nun, mein Vater wollte nichts mit mir zu tun haben. Schon vor meiner Geburt nicht. Ich lernte also schon von klein auf, Männern nicht zu vertrauen, weil sie mich früher oder später sowieso verlassen würden. Genauso wie mein Vater. 

Er machte das Konzept „Vertrauen“ für mich kaputt. Zur Hölle, er machte es nicht nur kaputt. Er zerhackte es in 1.000 kleine Stücke.

Nun denn. Damit ich verstehe, was er mir angetan hat, muss er es verstehen. Und im Moment ist meine einzige Option das aufzuschreiben. Die andere Möglichkeit wäre in den Flieger steigen, nach Miami fliegen (klingt gar nicht mal so schlecht, oder?), an seiner Haustür zu klingeln (ja, ich weiß, wo er wohnt!) und ihm in die Fresse hauen, sobald er die Tür aufmacht.

Brief an meinen Vater 

In die Fresse hauen ist keine Lösung, also bleiben wir sachlich und schreiben. Aber was schreibe ich nach 21 Jahren ohne jeglichen Kontakt? Wie lasse ich ihn wissen, dass er mein 6-jähriges Herz brach, als er mich und meine Mutter für eine andere verließ? 

Holt den Wein. Ihr werdet es brauchen!

„Hi Orlando, 

Ich bin es, deine Tochter. Glaube mir, ich bin mindestens genauso überrascht wie du gerade. Seit unserem letzten Gesprächsversuch sind 14 Jahre vergangen, es war nämlich 2006. Wenn man bedenkt, dass ich mittlerweile 28 bin, ist es wohl eine Weile her. 

Normalerweise würde ich dir jetzt über meine Erfolge und wichtigsten Erinnerungen berichten. Ich würde dir über den Tag erzählen, an dem ich einen Hund geschenkt bekommen habe und ihn auf meinem Bett schlafen ließ. Wie die Jungs in der 5. Klasse sich über mich lustig machten, weil meine Brüste anfingen eine Form anzunehmen. Wie ich mit 16 nach einer Party am Strand definitiv zu viel Alkohol intus hatte und mir die Seele aus dem Leib auskotzte.

Ich würde dir über meinen ersten Kuss erzählen (oder auch nicht). Ich würde dir über meine Schulnoten berichten und wie ich mich ärgerte, weil ich keine 1+ bekam, obwohl ich sie sehr wohl verdient hatte. Oder wie traurig ich war, dass Oma und Opa nicht da waren als ich mein Uni-Diplom entgegennahm. Aber das werde ich nicht. 

Stattdessen werde ich dir über meine Erinnerungen, an das letzte Mal als wir uns sahen, erzählen. Über eine Sache die Vertrauen heißt. Etwas, das ich dank bzw. wegen Dir, nicht habe. Zumindest nicht anderen Männern gegenüber. An dieser Stelle solltest du Stolz sein. Du hast es geschafft mir etwas beizubringen, und das obwohl du durch deine Abwesenheit geglänzt hast.

Kannst Du dich an das letzte Mal erinnern, als wir uns sahen? Ich schon. Es war vor 22 Jahren in Miami. Oh ja…im sonnigen Miami. 

Mama hielt es für angebracht, dir noch eine Chance zu geben. Nachdem Du sie bereits mehrmals verlassen hattest. Aber sie tat es für mich. Weil sie es für wichtig hielt, dass ich eine Beziehung zu meinem Vater habe. Also zogen wir nach Miami. Ich muss um die 6 Jahre alt gewesen sein. Jedes Mal, wenn ich mir Bilder von damals anschaue, sage ich „Awwww…war ich nicht süß…“. Ja, ich war total süß. Mit meinen strohblonden Haaren, Zahnlücken und meiner sehr extrovertierten Art (mittlerweile hält mich keiner für extrovertiert. Zumindest nicht auf den ersten Eindruck. Fragt sich nur warum). 

Die erste glückliche Erinnerung, die mir in den Sinn kommt, wenn ich über die Zeit in Miami denke, ist die Autofahrt mit Mama. Wir bekamen ein Cabrio vom Autovermieter und fuhren die Autobahn entlang. Irgendwann wurde es doch relativ frisch und wir versuchten das Dach des Autos manuell zu schließen. Während der Fahrt. Auf der Autobahn. Am Ende keine so wirklich gute Idee, aber wir schafften es irgendwie. Wie immer. 

Die zweite happy memory ist, als ich den größten Toys’r’us meines Lebens betrat. Es fühlte sich an wie Himmel auf Erden. Die Mulan-Barbie inkl. Pferd die wir kauften, besitze ich bis heute noch. Long live Mulan. 

Die dritte Erinnerung ist relativ glücklich. Wir fuhren ins Miami See Aquarium und ich durfte Willy sehen. Oder zumindest bildete ich es mir ein, dass es Willy war (für diejenigen die nicht wissen wer Willy ist, sagt euch der Film „Free Willy – Ruf der Freiheit“ etwas? Ja? Dachte ich mir). Ich durfte auch fast mit Delfinen schwimmen. Aber das ist eine viel zu lange Story und weicht vom Thema ab. 

Und das war es auch schon mit den glücklichen Erinnerungen. Nein. Warte. Ich durfte in einer Limo fahren. So. Jetzt. 

Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie lange wir in Miami lebten. Ich weiß auch gar nicht mehr welche Jahreszeit es war. Ich weiß nur, dass wir da waren. Aber Du nicht. Und damit fangen die nicht-so-glücklichen-Erinnerungen an.

Ich erinnere mich an die leere Wohnung, in der wir – Mama und ich – wohnten. Und mit leer meine ich tatsächlich leer. Aber das weißt Du ja. Schließlich war es deine angebliche Wohnung. Ich erinnere mich daran, wie Du nicht mit uns zusammen gewohnt hast. Eigentlich kann ich mich überhaupt nicht an dich mit uns erinnern. 

Ich erinnere mich an dich, deine neue Freundin (oder was auch immer sie zu dem Zeitpunkt schon war), Mama und ich auf einem Parkplatz. Ich erinnere mich an die Telefonzelle, bei der wir alle standen. Ich erinnere mich, wie deine Freundin mir sagte, dass meine Mutter mich nicht liebt. Ich erinnere mich, wie Du nichts dagegen unternahmst. 

Ich erinnere mich daran, wie du uns verlassen hast. Und nicht wiederkamst. Ich erinnere mich, wie wir aus der Wohnung auszogen und bei einem Bekannten übernachteten. 

Ich erinnere mich an den Tag am Strand, als ein blonder junger Mann meine Mama ansprach. Ich erinnere mich daran, wie wir zu den „Banana Bungalows“ zogen und dort eine Weile lebten. Und an den Tag als Du dort auftauchtest und mit Drohungen um die Ecke kamst. Ich erinnere mich wie der blonde Mann auf unserer Seite stand und uns beschützte. 

Ich weiß nicht, wie lange wir dort blieben. Ich weiß nur, dass meine Mama mich eines Tages zum Flughafen brachte, weil ich zurück nach Hause fliegen durfte. Richtig, ich. Nicht wir. Sie musste noch bleiben. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie es sich angefühlt hat. Ich schätze ich war glücklich, dass ich alleine fliegen durfte. Und viel wichtiger, nach Hause flog. Nach Brasilien. 

Alles was nach meiner Rückkehr nach Brasilien passierte, habe ich noch genau in Erinnerung. Und ich weiß ganz genau, dass Du nicht Teil dieser Erinnerungen bist. Keiner einzigen. Was danach geschah, war nicht dein Tun. Aber du hast angefangen.

Und das war’s auch schon. Die Erinnerungen, die ich an das letzte Mal habe, als ich dich persönlich sah. Ja, wir haben versucht, Kontakt herzustellen im Laufe der Jahre…aber wir wissen beide, wie gut das geklappt hat.

Jetzt, als Erwachsene, weiß ich, dass mein Stolz auch ein Grund war, weshalb unsere Kontaktversuche gescheitert sind. Und davon besitze ich viel. Mindestens genauso viel Du. Vielleicht habe ich das sogar von Dir. Denn Du hast es auch nicht wirklich versucht, oder? Ich habe es nie gesagt, aber ich hätte Versuche deinerseits gebraucht. Schließlich warst Du mein Vater.

Nun, da ich erwachsen bin, weiß ich, dass das Ergebnis davon, dass du mich für eine andere Frau verlassen hast, ist dass ich mich von dem wichtigsten Mann meines Lebens zurückgelassen fühlte. Und das ist wahrscheinlich der Moment in meinem Leben, in dem ich meine Schutzmauer baute. Von diesem Augenblick an beschloss ich, niemanden mehr in meine Nähe zu lassen.

Ich baute die Mauer zu meinem eigenen Schutz und lasse niemanden hinter meine Mauer steigen, denn: Wenn niemand reinkommen kann, kann auch niemand raus. Sicher gibt es viele Erfahrungen, die in Form von weiteren Steinen, die Mauer noch höher zogen. Aber du hast den Grundstein gesetzt.

Mir ist klar, dass es einen Teil der Geschichte geben muss, den ich nicht kenne. Deinen Teil der Geschichte. Mit deinen Gründen und Erklärungen. Vielleicht werde ich sie eines Tages hören. Vielleicht werde ich dich eines Tages bitten, mir deinen Teil der Geschichte zu erzählen. Aber fürs erste werde ich das nicht tun. Denn nach langer Zeit, ist mir klar geworden, dass Du vielleicht die Grundsteine für meine Mauer gelegt hast, aber es liegt an mir, das verdammte Ding zu durchbrechen. Und genau das werde ich ab jetzt machen. 

Mein Brief an mein 17-jähriges-Ich findest Du in der Kategorie „Laut Gedacht“.

Über den Autor

Die Welt ist meine Heimat, der Ozean meine Energiequelle und Salzwasser meine Blutgruppe. Mein Gesicht ist ein offenes Buch, meine Emotionen habe ich nach 28 Jahren immer noch nicht unter Kontrolle und meine Augen sprechen für mich, ob ich es will oder nicht.

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